Teil eines Werkes 
4. und letzte Abtheilung, Die Wiener Conferenzen : 3. Band (1859)
Entstehung
Einzelbild herunterladen

zei

535

Dame ſtand neben dem Wagen und ſtreckte dem Prinzen ihre beiden Arme entgegen.

Er ließ es geſchehen, daß man ihn aus dem Wagen hob, daß die fremde Dame ihn in ihre Arme nahm und durch das hohe, licht⸗ ſtrahlende Portal über den Flur und die Stiegen hinauftrug. Er war ganz betäubt, ganz ermattet von Angſt und Entſetzen. Sein Kopf hing matt und kraftlos über den Arm der Dame hin, ſeine kleine Geſtalt war ſchwer und bewegungslos, wie die einer Leiche. Lakayen mit brennenden Armleuchtern ſchritten voran über den Corridor, Lakayen und Diener folgten. Jetzt ward eine hohe Flügelthür geöffnet und man trat in eine Reihe glänzend erleuchteter Zimmer ein.

Die Dame ließ den Prinzen ſorgfältig aus ihren Armen auf einen Fauteuil niedergleiten und kniete dann vor ihm nieder, um mit ſorg⸗ ſamem Blick ihn zu betrachten.

Der kleine Napoleon ſchaute ſie an mit weitoffenen Augen, ſeine Wangen waren kalt und bleich, ſeine Lippen bebten.

Oh, fürchten Sie ſich nicht, ſagte die Dame zärtlich, ſehen Sie nicht ſo traurig aus, Herzog, Niemand zürnt mit Ihnen, Jedermann liebt Sie, und gleich wird Se. Majeſtät, Ihr Herr Großvater, kom⸗ men, um

Ein Zittern flog durch die Glieder des Knaben hin und er richtete ſich haſtig empor. Mein Großvater wird kommen? ſagte er angſtvoll. Aber wo bin ich denn? Sind Sie denn nicht die liebe freundliche Dame, bei der ich die Nacht bleiben ſoll und die morgen mit mir nach Paris zu meinem Vater fahren wird?

Nein, mein lieber kleiner Herzog, ſagte die Dame, das Alles war nur ein böſer Traum. Sie ſind hier, aber da kommt Se. Majeſtät der Kaiſer.

Sie erhob ſich raſch von ihren Knieen und verneigte ſich dann tief vor dem Kaiſer, der ſoeben in der Thür des nächſten Zimmers erſchien.

Der Prinz blieb ruhig auf ſeinem Lehnſtuhl ſitzen und ſtarrte mit entſetzten Blicken ſeinem Großvater entgegen.

Kaiſer Franz näherte ſich dem Kinde mit lächelndem, unbefangenem

Geſicht und reichte ihm ſeine Hand dar.