I. Wie man Geſchichte macht.
Mein Herr, ſagte Talleyrand nach einiger Zeit, indem er vor Sahla ſtehen blieb, Ihr König hat ſich durch Sie vertrauensvoll an mich gewandt und begehrt meinen Rath. Ich werde mit demſelben Vertrauen antworten, denn das ehrwürdige Haupt des Königs Friedrich Auguſt iſt doppelt geheiligt; geheiligt durch das Unglück und durch eine Krone. Ich beuge mich aber in Ehrfurcht vor ihm und weihe ihm meine lebhafteſten Sympathieen, und ich bin ihm vor allen Dingen die Wahrheit ſchuldig. Ich muß ihm daher geſtehen, daß Frankreich ſich lebhaft für das Schickſal des Königs von Sachſen intereſſirt, nicht ſowohl aus perſönlicher und verwandtſchaftlicher Zuneigung des Königs Ludwig von Frankreich zu ſeinem Oheim, dem König von Sachſen, ſondern mehr noch, um einem heiligen, großen und unzerſtörbaren Princip zu genügen. Dies iſt das Princip der Legitimität! Frankreich will für ſich ſelber nichts, es beanſprucht nichts. Ich bin daher nur hier, um die politiſchen Principien aufrecht zu erhalten, und um zu verhindern, daß man kein Attentat auf dieſelben unternehme.*) Preußen aber will ein Attentat auf unſere politiſchen Principien machen. Es will das Princip der Legitimität umſtürzen, es will einen König, der durch göttliches und menſchliches Recht Herr und Herrſcher der Erb— ſtaaten ſeines Hauſes, des Königreichs Sachſen, iſt, ſeines Thrones be— rauben, um ſich durch die ſächſiſchen Lande bezahlt zu machen für ſeine Kriegsunkoſten. Es entſchuldigt ſich damit, daß es den König von Sachſen einen Verräther an Deutſchland nennt, weil er etwas länger und mit minderer Treuloſigkeit der Bundesgenoſſe Frankreichs geblieben, als dies Preußen, Oeſterreich und die anderen deutſchen Staaten ge⸗ than. Aber dafür, daß der König von Sachſen ſeinem Bundesgenoſſen treu geblieben, auch noch dann, als dieſer ſchon im Unglück war, dafür
*) Talleyrands eigene Worte. Siehe: Carl von Noſtitz. S. 133.


