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Congreſſes nicht angemeſſen ſein, wenn er ſeinen Beſchluß wieder um⸗ ſtieße, blos weil die Genueſen mit demſelben nicht zufrieden ſeien.*)
Und halb mit Lächeln, halb mit Gewalt complimentirte Metternich die genueſiſchen Abgeſandten aus ſeinem Salon hinaus, in welchem dieſe dem armen Freiſtaat Genua ſeine Grabrede gehalten hatten, und in welchem am Abend die Diplomaten des Congreſſes und die Fürſten, Ariſtokraten und Diplomaten mit den ſchönen Damen lebende Bilder und Nationaltänze aufführten.
Der Congreß jubelte und tanzte immerfort, er tanzte im beginnen⸗ den Jahre 1815 ſo ſorglos und vergnügt, wie er im verfloſſenen Jahre 1814 getanzt hatte. Einmal doch, in den letzten Tagen des Januar, am Todestage des unglücklichen Königs Ludwigs des Sechszehnten von Frankreich, verſtummten die Feſtklänge und man nahm eine ernſthafte, düſtere Maske vor.
Der Miniſter Talleyrand, der ſo oft ſchon in ſeinem Hötel dem Congreß, den Fürſten und der hohen Ariſtokratie glänzende Feſte ge⸗ geben, der Miniſter der Republik, der Miniſter des Kaiſerreichs und jetzt des Königreichs Frankreich, hatte auch heute den einundzwanzigſten Januar das ganze vornehme Wien zu einem Feſt geladen. Nur fand dies Feſt nicht in ſeinem Hötel, ſondern in dem Dom von St. Stephau ſtatt, nur kam man zu denſelben nicht im Schmuck der Brillanten, Blumen und köſtlichen leiderſtoffe, ſondern man kam in ſchwarzen Trauergewändern, die Herren mit wallenden Trauerſchleifen an den Hüten, die Damen das Antlitz verhüllt von ſchwarzen Schleiern. Und ſchwarz verhangen war auch der Dom von St. Stephan, Trauerklänge durchhallten die düſtern Kirchenräume und auf allen Geſichtern, beſon⸗ ders auf dem Antlitz Talleyrands, malte ſich eine tiefe, düſtere Trauer. Jedermann wollte ſeiner Pflicht Genüge thun und zu der ernſten Feier des Tages auch ſeinem Geſicht das angemeſſene Coſtüm geben, aber im Innern war Jedermann heimlich empört über die unglückliche Idee des franzöſiſchen Geſandten, den Gang der Bälle, Maskeraden, Ca⸗
rouſſels und Jagden durch ein ſo düſteres Feſt zu unterbrechen, fand
*) Comte de la Garde. Vol. II. 114.


