Teil eines Werkes 
4. und letzte Abtheilung, Die Wiener Conferenzen : 3. Band (1859)
Entstehung
Einzelbild herunterladen

364

denn alle Diplomaten des Congreſſes erzitterten über den Plan des großmüthigen und ſchwärmeriſchen Kaiſers von Rußland, der das Königreich Polen glücklich machen, ihm eine freie Verfaſſung geben und Rußlands Macht dadurch bis an die Grenzen Deutſchlands hinan⸗ ſchieben wollte.

Ueber die Zukunft Neapels war immer noch nichts entſchieden, und trotz des Widerſpruchs der Bourbonen war Jvachim Murat noch immer König von Neapel. Eines nur hatte der Congreß im Jahr 1814 zu Stande gebracht. Er hatte die alte freie Stadt und Repu⸗ blik Genua dem König von Sardinien geſchenkt und ſie ſeinem König⸗ reich einverleibt. Freilich waren die Genueſen entſetzt und trauervoll über dieſe Schenkung, freilich hallte ein Schrei des Zorns, des Jam⸗ mers und der Empörung durch das ganze genueſiſche Gebiet hin, freilich erhoben ſie ihre Stimme laut und mächtig auf dem Congreß, um ganz Europa zu ſagen, daß dies eine ſchmachvolle Verletzung der Völkerrechte ſei, aber was kümmerte dieſes Wehegeſchrei des Volkes den hohen Congreß, der damit beſchäftigt war, die Ländergebiete der Fürſten zu vergrößern und ihnen zu helfen, ſich möglichſt zu arrondiren.

Wohl ſandte Genua ſeine Abgeſandten nach Wien, wohl kamen die erſten und angeſehenſten genueſiſchen Nobili dahin, um beim Congreß Proteſt einzulegen gegen dies willkürliche Verſchenken einer Republik, welche noch ihrer Kraft, ihrer Selbſtſtändigkeit ſich bewußt war. Fürſt Metternich bewilligte freundlich und zuvorkommend, wie immer, den hohen Abgeſandten Genua's eine Audienz, er hörte mit ſeinem verbindlichſten Lächeln der Rede des Grafen Brignole zu, welcher aus der Geſchichte nachwies, daß die Republik Genua ebenſo alt, ebenſo berechtigt ſei wie die meiſten der europäiſchen Königreiche, daß ſie ebenſo gut, wie dieſe, das Recht ihrer Souverainetät bean⸗ ſpruchen dürfe.

Aber als Graf Brignole ſeine lange gelehrte Rede beendet hatte, verneigte ſich Metternich und antwortete mit vollkommener Ruhe, es ſei leider nichts mehr zu ändern. Der Entſchluß des Congreſſes ſei einmal gefaßt und er ſei unwiderruflich. Genua ſei dem König von

Sardinien zugeſprochen, und es würde der Hoheit und Würde des

C ſii