Teil eines Werkes 
4. und letzte Abtheilung, Die Wiener Conferenzen : 2. Band (1859)
Entstehung
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Ja, Majeſtät, es ſtand noch etwas Anderes darin. Die europäi⸗ ſchen Mächte würden weit bereitwilliger ſein, Ew. Majeſtät in den Beſitz Parma's zu ſetzen, wenn die Frage der Erbfolge ſie nicht beun⸗ ruhigte. Sie werden niemals ein neues Regentenhaus anerkennen, in welchem der nächſte Erbe ein Sohn Napoleons ſein könnte. Se. Ma⸗ jeſtät der Kaiſer Franz hat ſich daher erboten, dem Sohn Ew. Ma⸗ jeſtät die in Böhmen belegenen Güter des Erzherzogs Ferdinand als erbliches Lehen zu übergeben, wenn Ew. Majeſtät dafür im Namen und als natürliche Vormünderin Ihres Sohnes auf die Erbfolge deſ⸗ ſelben in Parma verzichten.*)

Armer, kleiner Napoleon, ſeufzte Marie Louiſe vor ſich hin, ich ſoll ihn ſeines Erbes und ſeiner Herrſchaft berauben!

Nein, Majeſtät, ſagte der Graf, nein, Ew. Majeſtät berauben ihn weder eines Erbes, noch einer Herrſchaft, denn Sie ſelber werden niemals in Beſitz des Herzogthums Parma gelangen, wenn Ew. Ma⸗ jeſtät dieſe Bedingung nicht eingehen.

Marie Louiſe hatte ſinnend und geſenkten Hauptes da geſtanden, jetzt richtete ſie ihr Haupt entſchloſſen empor.

Hat Ihnen Fürſt Metternich die Schrift übergeben, welche ich ab⸗ ſchreiben ſoll, und welche dann dem Congreß übergeben werden ſoll? fragte ſie.

Ja, Majeſtät, er hat ſie mir ſo eben übergeben.

Geben Sie ſie mir! befahl die Kaiſerin, ihm ihre Hand entgegen⸗ ſtreckend.

Der Graf nahm aus ſeinem Portefeuille ein zweites beſchriebenes Blatt hervor, und reichte es Marie Louiſe dar.

Sie nahm es, und indem ſie einen grollenden, flammenden Blick auf das andere beſchriebene Blatt, auf den Bericht des Agenten, hin⸗ überwarf, ſagte ſie: Ich werde dieſes Document heute noch abſchreiben. Ich werde mit feierlichem Schwur mich verpflichten, nicht mehr an den Kaiſer Napoleon zu ſchreiben, noch jemals von ihm wieder Briefe zu empfangen, und ich werde für meinen Sohn auf die Erbfolge in Parma

*) Ménéval, Mémoires.