Teil eines Werkes 
4. und letzte Abtheilung, Die Wiener Conferenzen : 2. Band (1859)
Entstehung
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die Gräfin ernſt, man muß niemals horchen, denn es iſt nicht ehrenvoll, etwas heimlich zu thun, und Jemanden das abzulauſchen, was er nicht freiwillig ſagt.

Der Knabe erröthete und ſeine Augen füllten ſich mit Thränen. Ich wollte nur ſo gern hören, was Ihr von meinem Oncle Jerome erzähltet, ſagte er, und ich wußte, daß Sie es mir nicht erzählen wür⸗ den, weil man Ihnen verboten, mir von meinem Papa Kaiſer und von meinen Oncles und vom ſchönen Frankreich zu erzählen.

Man ſcheint ſich indeſſen um dies Verbot wenig zu bekümmern, ſagte die Kaiſerin ſpöttiſch. Aber ſagen Sie mir doch, Frau Gräfin, was iſt es mit dieſem Brief der Madame Jerome?

Ew. Majeſtät, der Herr Baron von Meneval hatte durch einen ihm befreundeten Cavalier des Königs von Würtemberg die Abſchrift eines Briefes erhalten, den die Königin von Weſtphalen an ihren hier in Wien anweſenden Vater geſchrieben hat.

Und dieſer Brief iſt ſo ſehr merkwürdig?

Majeſtät, er iſt das Zeugniß einer edlen und erhabenen Frauen⸗ ſeele, ſagte die Gräfin würdevoll.

Ah, in der That, Sie machen mich neugierig, dieſes Muſter von Briefſtyl kennen zu lernen, rief Marie Louiſe mit gereizter Stimme. Ich bitte Sie, Gräfin, holen Sie doch Ihren ſchönen Brief und leſen Sie ihn mir vor.

Majeſtät, ſagte die Gräfin ernſt, ich habe den Brief bei mir, denn ich wollte Ew. Majeſtät um gnädige Erlaubniß bitten, Ihnen dieſes ſchöne Schreiben, durch welches die Königin von Weſtphalen ſich ein ſo edles und unvergängliches Monument geſetzt hat, vorleſen zu dürfen.

Leſen Sie alſo! rief die Kaiſerin, indem ſie ſich nachläſſig in die Kiſſen des Divans zurücklehnte und an dem Blumenſtrauß zupfte, den ſie in der Hand hielt. Der kleine Napoleon ſtand neben ihr und heftete ſeine großen Augen bald auf ſeine Mutter, bald auf die Gräfin, welche jetzt aus der Taſche ihres Kleides ein Portefeuille hervorzog,

aus demſelben ein beſchriebenes Blatt Papier nahm und las:

Sire! Ich habe Ihr gnädiges Schreiben erhalten, in welchem Ew. Majeſtät mir den Vorſchlag machen, jetzt, da das Schickſal den