187
und Herr Talleyrand ſieht das mit Luſt, und ergötzt ſich an dieſer Zwietracht, unter welcher die eigentlichen Zwecke des Congreſſes ver⸗ nichtet werden, und man zuletzt Alles ſo laſſen wird, wie es iſt. Von den Völkern, ihren Rechten und Anſprüchen, und den Verſprechungen, die man ihnen gemacht hat, iſt ſchon jetzt gar keine Rede mehr, ſon⸗ dern nur noch von den Ländergrenzen, die man erweitern möchte, von den Thronen, die man ſtärken und ſtützen ſoll, von den Titeln und Bevorzugungen, die man ſich aneignen will. Zuletzt wird der Con⸗ greß nur eine große Razzia ſein, in der Jeder ſich bemüht, ſo viel Beute als möglich zu machen, und ſich durch einen kühnen Handgriff anzueignen, was dem Andern gehört.
Und an all dieſem Elend iſt der Talleyrand und ſein König Lud⸗ wig der Achtzehnte Schuld, rief Friederike glühend. Wahrlich, es wäre klüger gehandelt, dieſen undankbaren, zankſüchtigen alten König Ludwig, den, gleich dem Sir John Falſtaff,„Kummer und Sorgen aufgebläht haben wie einen alten Schlauch“, es wäre beſſer, ihn wieder vom Thron herunter zu rollen, und den Napoleon von Elba herbei zu rufen, daß er wieder Frieden mache in Europa. Schicken Sie mich hin zu Napoleon nach Elba, Excellenz. Ich will ihm ſagen, daß Preußen ihm helfen wolle, wieder den Thron von Frankreich zu beſteigen, vor⸗ ausgeſetzt, daß er Preußen dafür im Beſitz von Sachſen belaſſe. Was denkt mein angebeteter Herr und Meiſter von dieſem Plan? Wäre er nicht ganz geeignet dem unſeligen Congreß und allen Zwiſtigkeiten ein raſches Ende zu machen?
Ja, wahrhaftig, das wäre ein raſches Ende, ſagte Hardenberg, das hieße eine heroiſche Kur machen, und Demjenigen, der an Zahn⸗ weh leidet, die Schmerzen vertreiben, indem man ihn guillotinirt. Aber was kümmert uns die Politik, Holde, ſprechen wir nicht mehr von dieſer Kinderkrankheit der Herren Diplomaten. Sprechen wir von Ihnen, Friederike. Ich habe mich in dieſen Tagen viel mit Ihnen beſchäftigt, mein Kind, und oft an das Verſprechen gedacht, das ich Ihnen in Berlin gegeben.
Welches Verſprechen, Excellenz? fragte Friederite mit dem An⸗ ſchein der Befremdung.


