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Hardenberg blickte zu ihr nieder mit einem ſanften ſtillen Lächeln, das ſein ſchönes edles Angeſicht wie mit einem Abendſonnenſtrahl ver⸗ klärte. Erzähle mir ein wenig von Deinen tollen Streichen, Kind, ſagte er. Laß mich ausruhen bei Deiner weiſen Thorheit von der thörichten Weisheit der ſogenannten klugen Leute. Ach Kind, Kind, ich komme zu Dir, um mich ein wenig zu erholen von all dem Jammer dieſer Herrlichkeit und dieſer Feſte, mit denen man uns hier in Wien erdrückt, ich komme zu Dir, um endlich wieder ein wahres Menſchen⸗ angeſicht zu ſehen, nachdem ich heute ſchon ſo viele Larven geſehen habe. Nicht wahr, Friederike, Du betrügſt und heuchelſt nicht, Du trägſt keine Larve?
Wenn ich eine Larve trüge, ſo hätte ich mir ſicherlich eine ſchö⸗ nere gewählt, ſagte ſie lachend. Und wozu denn auch für mich eine Larve und eine Lüge? Ich bin noch immer ein armes, vergeſſenes, unbeachtetes Geſchöpf, das Niemand kennt, und von dem Niemand weiß, außer dem Einzig Einen, den ich anbete, und bei dem mein Antlitz und mein Herz immer unverhüllt daliegen vor ſeinen Alles ſchauenden und ergründenden Blicken.
Hardenberg neigte ſich lächelnd vorwärts und betrachtete mit einem ſeltſamen Ausdruck die zu ſeinen Füßen hingekauerte Geſtalt.
Du haſt Dich ſeit einigen Wochen verändert, Friederike, ſagte er, ſeit wir hier in Wien ſind, iſt ein fremder Ausdruck in Dein Antlitz gekommen. Deine Augen haben ihren wilden dämoniſchen Blitz ver⸗ loren, Dein Lächeln iſt milder und mädchenhafter geworden. Wie, ſollte ſich da vielleicht ein Wunder begeben? Sollte meine holde lieb⸗ reizende Diavolezza ſich am Ende alles Ernſtes in einen ſchmachtenden, unſchuldsvollen Engel verwandeln wollen?
Die Götter mögen mich vor ſolcher Verwandlung bewahren, rief ſie lächelnd, denn wenn ich ein Engel wäre, müßte ich zuletzt noch in den Himmel kommen und ſelig werden. Ich geſtehe aber, ich habe eine fürchterliche Angſt vor der Seligkeit, und als Engel im weißen Flügel⸗ gewande am Throne Gottes zu ſtehen, und Hallelujah zu ſingen, das iſt eine Seligkeit vor der mir graut. Nein, nein, in der Hölle geht es luſtiger und intereſſanter zu, da finde ich die beſte Geſellſchaft, und


