Teil eines Werkes 
4. und letzte Abtheilung, Die Wiener Conferenzen : 2. Band (1859)
Entstehung
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dies wüßte! Ha, und iſt es nicht in der That eine luſtige Geſchichte? Die Freundin des großen Staatskanzlers von Hardenberg iſt die Ge⸗ liebte eines bonapartiſtiſchen Parteigängers, und hat ſich mit ihm ver⸗ ſchworen, die Kaiſerin und den König von Rom nach Paris zu ent⸗ führen, und Napoleon von Elba zu befreien! Oh, ich muß lachen, lachen über dieſen köſtlichen Roman, den ich da ganz für mich allein aufführe. Steh mir bei, Gott der Liebe, daß er ein ſchönes Ende hat, und daß die Liebenden am Schluß ſich heirathen! Doch ſtill, ſtill, höre ich da nicht Schritte auf der Treppe? Ja, ja, ſie kommen näher! Er iſt es! Nun, Schauſpielerin, nun ſpiele deine Rolle! Heuchle, ſchmeichle! Ziehe ſeine Geheimniſſe aus ſeiner Seele, um ſie dem Ge⸗ liebten zu verrathen, und dir ein Lächeln zu verdienen!

Sie flog nach der Thür und öffnete ſie. Willkommen, willkommen, rief ſie mit lautem Jubelton, willkommen, meine Sonne und mein Tag!

Willkommen, meine Sonne und mein Abend! müſſen Sie ſagen, Friederike, ſagte der Staatskanzler lächelnd, indem er in das Zimmer trat. Denn wenn Sie ſchon die Schmeichelei ſo weit treiben wollen, mich eine Sonne zu nennen, ſo müſſen Sie doch auch dieſer Schmeichelei ein wenig Schein der Wahrheit geben, und mich der untergehenden Sonne vergleichen, oder, wenn Sie wollen, auch dem Mond, denn ſchauen Sie nur mein Haupt an, es iſt vollkommener Mondſchein da.

Er neigte ſein von dicken weißen Locken umwalltes Haupt, und ließ ſie die Stelle ſehen, von welcher die Jahre und die Mühen des Lebens die Haare ſchon hinweg genommen hatten.

Mein Herr und Meiſter, ſagte Friederike ernſthaft, Sie ſind ein Prieſter der Weltweisheit, und es iſt daher ganz natürlich, daß Sie die Tonſur tragen. Das hindert Sie aber nicht, doch in Ihrem Herzen die ewige Jugend zu tragen, und Ihnen, als dem geweiheten Prieſter, lege ich, die Novize der Weltthorheit, mich zu Füßen.

Der Staatskanzler lachte. Gott ſegne Deine tolle Laune, Kind, ſagte er, indem er auf dem Fauteuil Platz nahm, und Friederike zu ſich winkte. Sie eilte zu ihm hin, und kauerte ſich zu ſeinen Füßen nieder, wie ein Hund zu den Füßen ſeines Herrn, und ſchaute, wie dieſer, mit großen, glänzenden Augen zu ihm empor.