Teil eines Werkes 
4. und letzte Abtheilung, Die Wiener Conferenzen : 2. Band (1859)
Entstehung
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führte, das Schickſal hat gewollt, daß wir uns liebten. Ich kam hier⸗ her als ein armer, heimathloſer Fremdling, und jetzt, jetzt habe ich in Dir meine Heimath, meine Familie, meine Vergangenheit und meine Zukunft gefunden. Gott ſelber ließ Dich damals, an jenem Tage, an dem ich Dich zuerſt ſah, jene Worte ſprechen:meine Mutter war eine Marquiſe von Barbaſſon! Ich ſchrak zuſammen, wie ich da in⸗ mitten dieſer fremden Welt meinen Namen nennen hörte, und blickte nach Dir hin. Ich ſah in Deine von Geiſt, Klugheit und Genialität blitzenden Augen, ich horchte auf den ſanften, lieblichen Ton Deiner Stimme mein Herz jauchzte auf vor Entzücken und begrüßte Dich als meine Verwandte. Ich folgte Dir, als Du die Tribüne verließeſt, denn ich mußte doch wiſſen, wo diejenige wohnte, welche ſich eine Tochter der Marquiſe Barbaſſon nennen durfte, und welche ich jetzt ſchon liebte wie ein theures, letztes Vermächtniß meiner Familie. Ich erfuhr Deine Wohnung und am andern Morgen kam ich zu Dir, um Dir zu ſagen: Madame, ich bin der Marquis Barbaſſon, der letzte meines Stammes, denn mein Vater und mein Großvater ſind todt und der Bruder meines Großvaters iſt in Deutſchland verſchollen. J hörte Sie geſtern fagen: Ihre Mutter ſei eine Marquiſe eſ geweſen, und ich komme alſo, Sie fragen, ob ich das Glück habe, mit Ihnen verwandt zu ſein? Und ich hatte das Glück! Wir verſtändigten uns und erfuhren, daß unſere Großväter Brüder geweſen. Wir reichten uns die Hand als die letzten Reiſer eines einſt ſo mächtigen, blüthen⸗ reichen Stammes, wir ſchwuren uns einander treue Freundſchaft und Verwandtſchaft, das Alles ging ganz einfach, ganz natürlich zu! Unter dem Sonnenſchein der Freundſchaft reifte uns die köſtliche Blüthe der Liebe, und wir hatten nicht nöthig, ſie uns zu verleugnen, denn wir ſind Beide unabhängig und frei, wir dürfen es froh hinaus jauchzen in die ganze Welt: Ich liebe Dich! Ich liebe Dich! Und jetzt willſt Du böſe, geliebte Zweiflerin uns unſern Himmel trüben? Jetzt genügt es Dir nicht an dem Glück und Du willſt uns abſichtlich Schlangen unter die Roſen ſchieben?

Die Liebe iſt hellſehend, ſagte ſie kopfſchüttelnd. Ich fühle, daß Du nicht ganz wahr mit mir biſt, daß Du mir etwas verbirgſt. Du

Mühlbach, Napoleon. 1V. Bd. 12

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