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Ziſchen. Ich fühlte, wie meine Augen ſich mit üllten, und ich ließ den Schleier über mein Antlitz fallen, d iemand die Todesbläſſe ſehen ſolle, welche meine Wangen bedeckte. Man ließ mir kaum einen Weg offen, um in den Wagen zu gelangen, und als der Lakai dann die Wagenthür zuſchlug, ward das Schreien und Toben nur noch lauter. Der Kutſcher wollte abfahren, aber das Volk, das jetzt in dichten brauſenden Maſſen die ganze Straße erfüllte, das Volk litt es nicht. Es fiel den Pferden in die Zügel, und zwang ſie zum Stehen, es faßte den Vorreiter, und warf ihn unter Lachen und Ge⸗ ſchrei von ſeinem Pferde, es drohte mit geballten Fäuſten nach dem Kutſcher empor, und rief:„Still gehalten, ſtill gehalten! Wir haben der Madame, die im Wagen ſitzt, Etwas zu ſagen!“— Ja, wir haben der Madame Etwas zu ſagen, lachte und brüllte die Menge, und jetzt wälzte ſich die tobende Maſſe bis dicht zu meinem Wagenfenſter hin. Ein rieſengroßer Menſch, der die Menge anzuleiten ſchien, klopfte mit der Hand an mein Wagenfenſter, und begehrte, daß ich es öffnete, weil er mir im Namen des Wiener Volkes Etwas zu ſagen habe. Ich raffte all' meinen Muth zuſammen, damit dieſer elende Pöbel nicht ſehen ſollte, wie ſehr ich mich ängſtigte, und ließ das Fenſter herunter. Hören Sie, Madame, ſagte der Menſch, den die Menge zu ihrem Redner ernannt, hören Sie, Madame, wir kennen Sie nicht, und wir wollen Sie auch nicht kennen. Aber wir haben gehört, daß Sie von Schönbrunn kommen, und ſicherlich fahren Sie dahin zurück. In Schönbrunn aber wohnt jetzt die Tochter unſers Kaiſers, die Erzher⸗ zogin Marie Louiſe, und wir glauben, daß ihr dieſer Wagen gehört, und daß ſie dieſe Livrée noch aus Frankreich mitgebracht hat. Sagen Sie aber der Erzherzogin, daß wir hofften, ſie ſei zu uns zurückgekehrt mit einem deutſchen Herzen und mit deutſcher Geſinnung, und daß wir überzeugt wären, es ſei nur aus Verſehen und Vergeſſenheit ge⸗ ſchehen, daß ſie noch das alte verhaßte franzöſiſche Kaiſerwappen und die häßliche kaiſerliche Livrée beibehalten habe. Sagen Sie ihr, der Maler und der Schneider müßten ſich ſehr beeilen, um ein anderes Wappen zu malen, und andere Livréen zu machen, denn dieſe Kutſche und dieſe Livréen wollten und könnten wir nicht mehr dulden. Wenn
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