Teil eines Werkes 
4. und letzte Abtheilung, Die Wiener Conferenzen : 1. Band (1859)
Entstehung
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ich incognito dahin gefahren, ſo würde ich die Schmach und Be⸗ ſchimpfung vermieden haben, die ich jetzt erdulden mußte. Denn man hat mich beſchimpft, Brignole, man hat mit Fingern auf mich ge⸗ wieſen, und hat mich verſpottet und verlacht. Und weshalb? Weil ich das kaiſerliche Wappen Frankreichs an meiner Kutſche führe, weil mein Kutſcher und meine Lakaien die kaiſerliche Livrée und das mit der Kaiſerkrone gezierte N auf ihren Knöpfen tragen. Ich war zuerſt an der Burg vorgefahren, um die Kaiſerin Ludovica abzuholen. Mein Vater und meine Geſchwiſter kamen mich zu begrüßen, und es dauerte daher einige Zeit, ehe wir zu den Equipagen hinab ſtiegen. Der Wagen der Kaiſerin Ludovica fuhr zuerſt vor, und das Volk, das ſich in großer Menge um die Wagen gruppirt hatte, empfing die Kaiſerin mit lautem Vivatrufen. Alsdann aber, als mein Wagen vorfuhr, als ich einſtieg, brach dieſe rohe, elende Menſchenmenge in lautes Geſchrei, in Ziſchen und Pfeifen aus, und lachte und ſchrie, und zeigte mit Fingern auf mich, die ich halbohnmächtig in den Wagen zurückſank, und mich vergeblich fragte: was ich denn gethan, um dieſe Verhöh⸗ nung des Volkes zu verdienen? Endlich hielt der Wagen vor dem Hötel der Kaiſerin von Rußland, und zitternd, mit angſtklopfendem Herzen ſtieg ich aus. Gott ſei Dank, die Straße war leer, unangefochten trat ich in das Hötel, und begab mich mit der Kaiſerin unangemeldet in die Gemächer der Kaiſerin Eliſabeth. Sie empfing mich mit einer Zärtlichkeit, Zuvorkommenheit und Güte, wie ich ſie hier in Wien noch von Niemanden erfahren habe. Für ſie mindeſtens war ich noch immer die Kaiſerin, und ſie nannte mich ſo, und beobachtete alle Egards, die meinem Range gebühren. Das machte mich heiter und geſprächig, ich vergaß in der Unterhaltung mit Eliſabeth die unangenehme Scene, welche ich zuvor erlebt hatte, und verließ ganz ruhig die kaiſerlichen Gemächer, um zu meinem Wagen zurückzukehren. Aber unſere vor dem Hötel wartendens Equipagen hatten eine ungeheure Menſchen⸗ maſſe herangelockt, die doppelt ſo groß war, wie die, welche ich vorhin vor der Burg geſehen. Wieder beſtieg die Kaiſerin unter dem Zu⸗ jauchzen der Menge ihre Equipage, und wieder, ſobald meine Equi⸗ page vorfuhr, begann das Schreien und Toben, das Pfeifen und