Teil eines Werkes 
4. und letzte Abtheilung, Die Wiener Conferenzen : 1. Band (1859)
Entstehung
Einzelbild herunterladen

148

des Fürſten nicht abgemattet. Der Fürſt von Ligne war mit achtzig Jahren noch immer ein heiterer, feiner, lebensfroher Geſellſchafter, ein geiſtvoller Mann, ein feiner Satyriker, der mit heiterm Spott jede Lächerlichkeit geißelte, und deſſen piquante Witzworte noch jetzt, wie ſchon vor funfzig Jahren, von ganz Wien, ja von ganz Europa wieder⸗ holt wurden.

Ah, mein lieber Fürſt Ligne iſt da! rief der kleine Napoleon, zu dem Greiſe hineilend, und ihm ſeine beiden Hände darreichend.

Ja, der Fürſt Ligne iſt da, die Signalſtange der alten Zeit iſt da, ſagte der Fürſt heiter lachend, indem er den Knaben in ſeinen Armen emporhob, und ihn herzlich küßte. Mein Herz ſehnte ſich zu ſehen, wie es meinem kleinen König hier ergeht; während die großen Kö⸗ nige in Wien ſo viel tanzen und lachen und ſchwatzen, wollte ich mich bei Ihrer kindlichen Weisheit ausruhen von all' den altklugen Thor⸗ heiten, die ich in Wien mit anſchauen muß. Sagen Sie, Sire, bin ich willkommen?*

Von Herzen willkommen, ſagte der Knabe, indem er ſeine beiden kleinen Arme um des Fürſten Nacken legte, einen Kuß auf des Fürſten Stirn drückte. Aber ich will Sie um Etwas bitten, Herr Fürſt, und Sie müſſen mir einen Gefallen thun!

Alles, Sire, nur müſſen Sie nicht verlangen, daß ich, weil ich ſo hübſch groß bin, Ihnen einige Sterne vom Himmel herunterholen ſoll.

Ich verlange das auch nicht, denn ich weiß wohl, daß die eigent⸗ lichen Sterne viel zu hoch ſind für die Menſchen, und daß ſie ſich darum Sterne von Gold und Brillanten machen, die ſie auf ihre Bruſt ſtecken, und„Orden“ nennen. Sie ſollen mir blos den Gefallen thun, ſich bei mir niemals als Marſchall anmelden zu laſſen. Ich liebe die Marſchälle nicht, aber ich liebe Sie, und nicht wahr, Sie werden es nicht mit mir ſo machen, wie es die Marſchälle mit meinem Vater ge⸗ macht haben, Sie werden mich nicht verrathen?

Der Fürſt hatte den Prinzen ſanft aus ſeinen Armen auf den Boden niedergleiten laſſen, und ſchaute jetzt mit einem wehmüthigen Lächeln zu ihm nieder. Nein, ſagte er, ich werde Sie nicht verrathen, obwohl ich ein