Teil eines Werkes 
4. und letzte Abtheilung, Die Wiener Conferenzen : 1. Band (1859)
Entstehung
Einzelbild herunterladen

——

146

wenn Du es eines Tages verſuchen willſt, ihm gleich zu ſein!“— Sie begann Gebete zu murmeln; Napoleon lag ganz ſtill und hörte auf dieſe Gebete, die wie das leiſe Geplätſcher einer Quelle an ſein Ohr ſchlugen, und unter dieſem Geplätſcher ſchlief er ein. Aber noch im Schlaf murmelte er leiſe:„ich will Kaiſer werden! Ich will ein be⸗ rühmter Mann werden!“

Und er hat Wort gehalten, jubelte der kleine König von Rom, vergnügt ſeine kleinen Hände in einanderſchlagend, und ganz ver⸗ geſſend, daß er ſtill ſitzen müſſe, damit ſein Portrait gemalt werden könne. Ja, mein lieber Papa hat Wort gehalten, er iſt Kaiſer ge⸗ worden, ein berühmter Feldherr! Oh, mein lieber Herr Iſabey, ich danke Ihnen! Welch' eine ſchöne Geſchichte haben Sie mir erzählt. Wenn Sie mir noch mehr von meinem Papa erzählen wollen, werde ich den ganzen Tag, die ganze Nacht, und immerfort ſtill ſitzen, bis mein Portrait vollendet iſt.

Iſabey lachte und war eben im Begriff eine Antwort zu geben, als ein Bedienter in der Thür des Malzimmers erſchien, und ſich der Gräfin nähernd, leiſe ſagte: der Herr Marſchall von Ligne iſt da, und wünſcht Sr. Majeſtät dem König von Rom ſeine Aufwartung zu machen!

Der Knabe ſprang auf, und heftig ſeine Arme vor ſich ausſtreckend, als wolle er ein nahendes Schreckniß von ſich abwehren, rief er: ein Marſchall will mich beſuchen? Nein, nein, ich will keinen Marſchall empfangen. Die Marſchälle haben meinen Vater verrathen! Keiner von ihnen ſoll zu mir kommen!*)

Aber Sire, ſagte die Gräfin begütigend, dies iſt keiner von den franzöſiſchen Marſchällen. Es giebt auch außerhalb Frankreichs Mar⸗ ſchälle, und dieſer Marſchall iſt nicht von Ihrem Herrn Vater, ſondern vom Kaiſer von Oeſterreich ernannt worden.

Ich will ihn dennoch nicht ſehen, murmelte der Knabe, ich will niemals wieder einen Marſchall ſehen.

*) Des Königs von Rom eigene Worte. Siehe: Comte de la Garde⸗

Mémoires.