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dürfen. Denn Diejenigen, welche dem Maler ſitzen, betrachten ſich gar ſehr als Patienten, und es geht ihnen, wie den andern Patienten, ihr Arzt, der Maler, iſt es, der ſie krank macht. So bin ich denn heute gekommen, um unſern lieben Prinzen wieder krank zu machen. Sire, ich bitte Sie um eine Sitzung für Ihr Portrait.
Heute ſchon? fragte die Gräfin. Ich meinte, Sie hätten die nächſte Sitzung erſt auf morgen beſtimmt gehabt?
Iſabey zuckte die Achſeln. Meine Gnädige, ſagte er, hier in Wien kann man vorher nichts beſtimmen, und nicht wiſſen, ob das Heute dem Morgen entſprechen wird. Es iſt wahr, ich wollte morgen hierher kommen, und heute ſollte ich das Glück haben, die Herren Congreßmitglieder in ihrer Sitzung zu ſehen, um ihnen auf meinem Bilde die richtige Stellung und die Wahrheit der Natur zu geben.*) Aber die Herren Diplomaten wiſſen immer nicht, ob ihnen auch Zeit übrig bleibt, um ſie mit Geſchäften und Conferenzen zu vergeuden, oder ob nicht irgend ein wichtiges Feſt ſie daran verhindern wird. So
*) Iſabey, der berühmte Hofmaler Napoleons, war, einer Aufforderung Talleyrands folgend, nach Wien gekommen, um ſein Glück, das mit dem Kaiſer in Trümmer gefallen zu ſein ſchien, in Wien beim Congreß wieder aufzurichten. Es gelang ihm dies auch in der That. Er erhielt von dem Kaiſer Alexander den Auftrag, die Herren Congreßmitglieder, auf einem Bilde und in einer Sitzung vereinigt, zu malen, und zugleich die Erlaubniß, dieſes Bild alsdann durch den Kupferſtich zu vervielfältigen. Jeder von den Herren der Congreß⸗ ſitzungen rechnete es ſich zur Ehre an, dem Maler zu ſeinem eigenen Portrait zu ſitzen, und kaufte dann ſein eigenes Portrait für einen hohen Preis dem Maler ab. Nur Wilhelm von Humboldt weigerte ſich zu ſitzen, indem er ſagte: die Natur habe ihm ein ſo ſehr häßliches Geſicht gegeben, daß er ſich wohl hüten würde, für ſein Conterfey noch Geld auszugeben.— Iſabey bat aber nur um Erlaubniß, das Portrait des zweiten preußiſchen Diplomaten des Con⸗ greſſes für ſein Bild malen zu dürfen, und Herr von Humboldt bewilligte ihm alsdann mehrere Sitzungen. Das Portrait Wilhelm von Humboldt's gehört zu den wohlgelungenſten des großen Iſabey'ſchen Bildes, das damal den Kupferſtich in viel tauſend Exemplaren verbreitet ward. Wilheln Humboldt aber ſagte lachend: ich habe dem Maler Iſabey nichts für mein Portrait bezahlt. Er hat ſich dafür gerächt, indem er mich ſprechend ähnlich gemalt hat.


