Teil eines Werkes 
4. und letzte Abtheilung, Die Wiener Conferenzen : 1. Band (1859)
Entstehung
Einzelbild herunterladen

132

Madame, ſagte Marie Louiſe mit blitzenden Augen, ich habe in⸗ deſſen in Dresden geſehen, daß Sie dem Kaiſer Napoleon immer ſehr bereitwillig Ihre Hand darreichten, und daß Sie ſich ſehr geſchmeichelt fühlten und ſehr glücklich lächelten, wenn er ſich herabließ, Ihnen die Hand zu küſſen.

Hör' Du, meine Tochter, ſagte der Kaiſer raſch, um einer Ant⸗ wort der Kaiſerin zuvorzukommen, hör' Du, es wär' halt beſſer, Du ſchwiegſt von der Vergangenheit und beſchäftigteſt Dich ein wenig mit der Zukunft, mit Deiner eigenen und der Deines Sohnes. Es iſt aber halt gar keine üble Idee, einen Geiſtlichen aus ihm zu machen, dann haben wir wenigſtens keine legitimen Erben zu befürchten.

Und ich glaube in der That, der Knabe würde ſehr zufrieden ſein können, wenn man ihm eine recht einträgliche Pfründe, einen recht guten Biſchofſitz verſchaffte, ſagte die Kaiſerin freundlich.

Ah, mein Sohn ſoll alſo Biſchof werden! rief Marie Louiſe heftig. Sagten Sie nicht vorhin, Madame, er ſolle werden, was mein Oheim, der Erzherzog Rudolf, wird?

Gewiß, meine theure Louiſe, ich ſchlug Deinem Vater vor, den kleinen namenloſen Knaben dieſelbe Bahn einſchlagen zu laſſen, die Dein Oheim, mein theurer Schwager, wandeln wird.

Nun, mein Oheim wird indeſſen Cardinal werden!

Auch Dein Sohn kann es ja zu dieſer Höhe bringen! Wenn er erſt Biſchof iſt, kann er nachher Cardinal werden.

Und wenn er erſt Cardinal iſt, kann er dran denken, Papſt zu werden, rief der Kaiſer faſt erſchrocken. Und wenn er Papſt iſt, kann das ehrgeizige Blut ſeines Vaters ſich in ihm regen, und er kann auch anfangen, Alles drunter und drüber zu kehren, und die ganze Welt in Verwirrung zu bringen! Nein, nein, es iſt halt nix mit Deinem Plan, Ludovica, der Burſch' darf mir nit Geiſtlicher werden, denn es iſt ſchon richtig, wenn er Biſchof iſt, kann er Cardinal werden, und wenn er Cardinal iſt, kann er Papſt werden, und ganz Europa in Brand ſtecken. Ich werd' ihm ſchon ſo viel geben, daß er nit hungern und darben braucht, und ich mich ſeiner nit als meines Enkels zu ſchämen hab'. Werd' ihm auch einen guten Titel und eine gute Erziehung