Sei Dir und und
und römte
127
armen geliebten Marie Louiſe ſich erbarmen, ſagte die Kaiſerin freund⸗ lich. Sie müſſen bedenken, daß unſere arme Tochter jetzt gewiſſermaßen ohne Namen, ohne Rang, ohne Stand iſt, und daß man kaum weiß, wie man ſie nennen ſoll. Hier in Schönbrunn hört man ſie noch immer als Kaiſerin und Majeſtät tituliren, aber außerhalb dieſes Schloſſes weiß Niemand etwas mehr von ihrer Majeſtät und ihrem Kaiſerthum. Man will ſie nicht als Kaiſerin betrachten, und wagt nicht, ſie wieder als Erzherzogin zu behandeln. Die fremden Souve⸗ raine machen daher der armen Marie Louiſe nicht, wie ſie es doch ihren Brüdern und Schweſtern gethan, ihren Beſuch, und noch geſtern ſagte die Kaiſerin Eliſabeth von Rußland zu mir: Ich würde gern nach Schönbrunn gehen, und die unglückliche verlaſſene Frau, die dort wohnt, beſuchen. Aber ſagen Sie mir nur, wie ich ſie nennen, welchen Titel ich ihr geben ſoll? Ich mußte leider ſchweigen, und konnte der Kaiſerin keine genügende Auskunft geben.
Marie Louiſe hob ihr Antlitz haſtig empor und blickte nach ihrer Stiefmutter hin. Ihre Augen kreuzten ſich, wie zwei flammende Degen⸗
klingen im Duell.
Sie hätten, glaube ich, der Kaiſerin von Rußland ſagen können, daß ich noch immer die Kaiſerin bin, rief Marie Louiſe heftig, Sie hätten ihr ſagen können, daß ich vor kaum zwei Jahren in Dresden alle ſouverainen Fürſten und Fürſtinnen Deutſchlands ſich vor mir neigen ſah; Sie hätten ihr ſagen können, daß die Kaiſerin von Oeſter⸗ reich mir damals nachſtehen, und mir dey Vortritt laſſen mußte; Sie hätten ihr ſagen können, daß die Krone noch nicht von meinem Haupt gefallen iſt, denn mein Gemahl lebt und er iſt Kaiſer! Ich bin daher eine Kaiſerin, ich habe einen Namen, denn ich heiße Marie Louiſe, wie Sie Ludovica heißen, ich habe einen Titel, denn man nennt mich Majeſtät, wie man Sie und wie man die Kaiſerin Eliſabeth nennt. Ich bin ferner keine verlaſſene Frau, denn mein Gemahl, der Kaiſer Napoleon, liebt mich, und begehrt meine Nähe, und ich bin auch keine
arme Frau, denn mein Gemahl iſt der Herr über die Inſel Elba, und ich denke, dieſe Inſel wird wohl eben ſo groß ſein, wie das Herzog⸗ thum Modena, das Vaterland meiner erhabenen Stiefmutter. Aber


