Teil eines Werkes 
4. und letzte Abtheilung, Die Wiener Conferenzen : 1. Band (1859)
Entstehung
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in der Mitte des Cabinets ſtand, und mit ehrerbietiger Aufmerkſamkeit jeder Beſdegung der Kaiſerin gefolgt war, Sie werden ſehen, daß der Kaiſer nicht kommt, daß man mich ganz und gar vergißt und ver⸗ nachläſſigt. Ich bin ſeit geſtern von meiner Reiſe zurückgekehrt, ich habe ſogleich einen Courier an meinen Vater geſandt und ihn gebeten, mir zu erlauben, daß ich ihm und meiner Familie ganz in der Stille und ganz incognito meinen Beſuch mache, aber er hat es mir abge⸗ ſchlagen, er hat mir ſagen laſſen, er würde heute mit der Kaiſerin zu mir nach Schönbrunn kommen, um mich zu beſuchen. Und er kommt nicht, oh, Sie werden ſehen, die Kaiſerin, meine Stiefmutter, wird es bei ihm durchgeſetzt haben, daß mein Vater nicht kommt, daß meine Schweſtern und Brüder ſich fern von mir halten. Oh, meine Stief⸗ mutter haßt mich ſo ſehr, ſie hat es mir nie vergeben, daß ich damals in Dresden vor ihr den Vortritt gehabt, daß ich ſie in den Schatten geſtellt habe. Die Kaiſerin Ludovica haßt mich, und ſie will jetzt ihre Rache nehmen für Dresden. Oh, mein Gott, Gräfin, welch ein un⸗ glückſeliges, beklagenswerthes Geſchöpf bin ich doch! Alles verläßt mich, Alles giebt mich auf! Was habe ich denn gethan, was habe ich denn verſchuldet, daß ich ſo viel Unglück und Strafe verdient?

Ew. Majeſtät ſind die Gemahlin des großen Kaiſers geweſen, deſſen Name genügt, um alle die hier in Wien verſammelten Fürſten mit Scham und daher mit Zorn zu erfüllen, ſagte die Gräfin Brignole ernſt. Das iſt Ihre Schuld, Majeſtät; Sie ſind ein lebendes, unab⸗ weisbares Denkmal von der Macht und Größe Napoleons, deſſen Exiſtenz jetzt Alle ſo gern vergeſſen und verleugnen möchten,— des⸗ halb wird man vielleicht jetzt Ew. Majeſtät auch zu vergeſſen trachten.

Oh, es iſt grauſam, höchſt grauſam, rief Marie Louiſe, während ihre großen blauen Augen ſich mit Thränen füllten, die dann langſam über ihre roſigen Wangen niederrollten Sagen Sie ſelbſt, iſt es nicht grauſam, wie man mit mir verfährt? Vor vier Jahren gebietet mir der Kaiſer, mein Vater, ich ſolle den Kaiſer Napoleon heirathen, das heißt, einen Mann, den ich niemals geſehen, und den man mich bis dahin gelehrt hatte, zu verabſcheuen und zu haſſen. Jetzt aber war die Politik eines Opfers bedürftig, und ich ſollte das Opfer ſein! Man

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