Teil eines Werkes 
4. und letzte Abtheilung, Die Wiener Conferenzen : 1. Band (1859)
Entstehung
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noch leiden müſſen. Zehn Jahre haſt Du geduldet unter dem Druck der Tyrannei, und jetzt,

Jetzt wirſt Du das alte Joch wieder auf Deine Schultern nehmen, und fein ſtill und geduldig ſein, unterbrach ihn Friederike lachend. Sprechen wir nicht von Deutſchland, mein Herr. Was ſoll der Ritter von der traurigen Geſtalt bei unſerm heitern Volksfeſt, bei unſerm impoſanten Erinnerungsjubel? Schauen wir lieber ein wenig hinüber nach der Tribüne der Fürſtinnen und Damen dort. Welch ein reicher Kranz herrlicher Blumen da die beiden Kaiſerinnen umgiebt. Mein Herr, ich bitte, wenn Sie den Wiener Congreß ſtudiren wollen, ſo ſehen Sie nicht auf die Diplomatentribüne, ſondern auf die Damen⸗ tribüne, da finden Sie die eigentlichen Lenkerinnen des Congreſſes und der Politik. Da iſt zuerſt die Großfürſtin Katharina, die Dame, um welche Napoleon warb, bevor er ſich der Kaiſerstochter von Oeſter⸗ reich vermählte. Katharina, in ihrem energiſchen Haß gegen Napoleon, und fürchtend, daß ihr Bruder, der Kaiſer, ihr am Ende die Vermäh⸗ lung mit Alexanders Herzensfreund, Napoleon, befehlen werde, Katha⸗ rina bewog ihre Mutter, ſie lieber dem erſten beſten kleinen Fürſten zu vermählen, als ſie noch länger der Gefahr dieſes verhaßten Bünd⸗ niſſes auszuſetzen. So ward ſie denn in aller Eile die Gemahlin des Herzogs von Oldenburg, und ſchützte ſich durch dieſe Ehe vor dem Unglück, Kaiſerin von Frankreich zu werden. Jetzt iſt Katharina Wittwe, doch wie man ſagt, wirbt der Kronprinz von Würtemberg um die ſtolze, ſchöne Kaiſerstochter. Aber es werben auch ſonſt noch um ſie alle Diplomaten und Politiker, denn Katharina iſt einflußreich, und ihr Bruder, der Kaiſer Alexander, läßt ſie Theil nehmen an ſeiner Politik und ſich von ihren Anſichten beſtimmen. Außerdem iſt Katha⸗ rina die Freundin des Herrn vom Stein, der hier als ruſſiſcher Be⸗ vollmächtigter auf dem Congreß fungirt, und mit ſeiner Grobheit, ſeiner Rückſichtsloſigkeit und Aufgeblaſenheit alle Welt in Schrecken ſetzt. Gleich ihm, haßt ſie Alles, was franzöſiſch iſt, gleich ihm ſieht ſie für Deutſchland nur das Heil in der engen Verknüpfung mit Rußland, und dieſe zu erſtreben, das iſt die Aufgabe, die ſie ſich ſelber geſtellt hat.