Teil eines Werkes 
3. Abtheilung, Napoleon und Fürst Blücher : 4. Band (1859)
Entstehung
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Seide. Napoleon zog es hervor, griff nach dem Federmeſſer, ſchlitzte das Zeug auf und nahm das Päckchen, das darin lag, hervor.

Ha, rief er freudig, nun hab' ich den ſegenbringenden Freund, der mich erlöſen wird! Sie wollen mich als Gefangenen umherſchleppen! Du aber, du geſegnetes Gift, du wirſt mich frei machen!

In der Nacht vom zwölften auf den dreizehnten April erwachte Conſtant, der Kammerdiener Napoleons, von einem ſeltſamen Geräuſch, das die Stille der Nacht unterbrach. Es klang wie leiſes Wimmern und Stöhnen, wie unterdrücktes Klagen und Schreien.

Dieſes Geräuſch ſchien aus dem Schlafzimmer des Kaiſers zu kommen, und dahin eilte jetzt Conſtant.

Ja, es war der Kaiſer, welcher klagte und ächzte.

Er ſaß in der Mitte des Zimmers auf dem Lehnſtuhl, ſein Antlitz bedeckte Todesbläſſe, ſeine Glieder bebten, vor ihm am Boden lag ein Papier, neben ihm auf dem Tiſch ſtand ein Glas, auf deſſen Grunde ſich noch einige Tropfen einer weißlichen Flüſſigkeit befanden.

Conſtant ſtürzte zu dem Kaiſer hin, aber Napoleon erkannte ihn nicht, er ſah ihn mit ſtieren Blicken an und murmelte leiſe: ich leide fürchterlich. Es wühlt ein Feuer in meinen Eingeweiden! Aber es tödtet mich nicht!

Conſtant ſtieß einen Schrei aus und ſtürzte von dannen, um den Arzt Doctor IJwan, und Maret und Caulaincourt zu holen, um ihnen zu ſagen, daß der Kaiſer krank ſei, daß er das Ausſehen eines Ster⸗ benden habe.

Sie eilten voll Entſetzen herbei, ſie umringten weinend den Lehn⸗ ſtuhl, auf welchem der Kaiſer noch immer wimmernd und ächzend ſaß.

Doctor Jwan fühlte die Stirn des Kaiſers, ſie war von einem kalten, klebrigen Schweiß bedeckt, er fühlte ſeinen Puls, er ging matt und langſam, aber er ging!

Der Kaiſer ſchaute jetzt zu ihm auf, er erkannte den Arzt, und ſeine bläulichen Lippen murmelten leiſe: Jwan, ich habe Gift genommen, das Gift, das Ihr mir einſt in Rußland geben mußtet. Aber die Doſis iſt nicht mehr ſtark genug geweſen! Das Gift tödtet mich nicht, aber es bereitet mir fürchterliche Qualen.

Mühlbach, Napoleon. Bd. MI. 46