Teil eines Werkes 
3. Abtheilung, Napoleon und Fürst Blücher : 4. Band (1859)
Entstehung
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Er küßte ſie leiſe auf die Stirn und führte ſie ſanft der Thür zu.

Geh', meine Joſephine, geh', ſagte er, es iſt das letzte Opfer, welches ich von Dir fordere!

Ich gehe, ſeufzte ſie. Lebewohl, Bonaparte, lebewohl!

Sie ſah ihn an mit einem Blick voll Liebe und Schmerz zugleich. Wir werden uns niemals wiederſehen, Bonaparte.

Ja, ſagte er langſam und feierlich, die Hand zum Himmel er⸗ hebend, dort oben werden wir uns wiederſehen.

Ich werde Dich dort erwarten, ſagte Joſephine mit einem wunder⸗ baren Ausdruck ſeliger Verklärung.

Jetzt ſchloß ſich die Thür hinter ihr, jetzt war Napoleon wieder allein; er ſtand in der Mitte des Zimmers und ſtarrte nach der Thür hin, er ſah immer noch ihr bleiches, lächelndes Antlitz und hörte immer noch ihre holde Stimme.

Sie wird mich dort erwarten, murmelte er. Aber warum ſie mich? Warum will ſie ſterben, da ich leben muß? Und warum muß ich leben! fragte er auf einmal mit lautem, faſt freudigem Ton. Warum will ich's dulden, daß dieſe feigen Creaturen, die ſich ſonſt vor mir in den Staub gebengt, jetzt den Triumph haben ſollen, mich durch das Joch dahin zu ſchleppen? Warum muß ich leben?

Er ſank auf den Fauteuil nieder und die beiden Arme matt auf die Seitenlehnen auflegend, das Haupt tief geneigt auf ſeine Bruſt, ſtarrte er vor ſich hin.

Er dachte an die Schmach, welche die nächſten Tage über ihn bringen ſollten, er dachte daran, daß jeder von den verbündeten Sou⸗ verainen ihm hierher nach Fontainebleau einen Abgeſandten ſchicken wollte, und daß er unter dem Geleit dieſer ruſſiſchen, preußiſchen und öſterreichiſchen Commiſſaire wie ein gefangener Löwe nach Elba trans⸗ portirt werden ſollte!

Sein Herz bäumte ſich auf in Schmerz und Wuth! Er ſprang auf und ſtürzte zu ſeinem Schreibtiſch hin, riß die Chatoullen heraus und öffnete das geheime Fach, welches dahinter ſichtbar ward.

In dieſem Fach befand ſich ein kleines Beutelchen von ſchwarzer

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