Teil eines Werkes 
3. Abtheilung, Napoleon und Fürst Blücher : 4. Band (1859)
Entstehung
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719 daß Du gekommen biſt, aber Du biſt gekommen, um Abſchied von mir zu nehmen. Ich habe Dich geſehen, Deine treue Liebe hat ſich wie Balſam auf mein Herz gelegt. Nun iſt es gut, nun Lebewohl!

Du willſt mich ſchon wieder gehen heißen? rief Joſephine ſchmerz⸗ voll. Oh, Bonaparte, laß mich wenigſtens ſo lange hier bis zu Deiner Abreiſe. Ach, ich will ja nur ganz heimlich, ganz in der Stille bei Dir ſein, Niemand ſoll mich ſehen, Niemand ſoll ihr verrathen, daß ich hier bin.

Es würde doch kein Geheimniß bleiben, Joſephine, und ſie würden es benutzen, um ſie zu entſchuldigen und mich anzuklagen. Geh' alſo, Joſephine, geh' und nimm das Bewußtſein mit Dir, daß Du mir die letzte Freude meines Lebens bereitet haſt.

Oh, Bonaparte, Du brichſt mir das Herz, murmelte Joſephine, ihr Haupt an ſeine Schulter lehnend. Ich kann Dich nicht verlaſſen, ich kann es nicht ertragen, Dich allein in die Verbannung gehen zu ſehn.

Das Schickſal will es ſo und der böſe Stern, der über meinem Wege ſteht, ſeit ich meinen guten Stern, ſeit ich Dich verlaſſen habe, Joſephine. Dies ſei mein Lebewohl! Nun geh'!

Nein, Bonaparte, rief ſie leidenſchaftlich, nein, Bonaparte, ich gehe nicht! Sag' nicht, daß ich es ſoll, wenn Du nicht willſt, daß

ich ſterbe. Denn Dein Unglück, mein Geliebter, hat ſich wie ein Dolch

in mein Herz gebohrt, und es wird daran verbluten, wenn Du mich nicht retteſt, wenn Du mich nicht heilſt, indem Du mich bei Dir ſein läſſeſt. Ich ſchwöre Dir, Bonaparte, ich werde ſterben, bald ſterben, der Schmerz wird mich tödten.*)

Ein leiſes, ſeltſames Lächeln umſpielte die Lippen des Kaiſers. Ich beklage Diejenigen nicht, welche ſterben, ſagte er, der Tod iſt ein wohlthätiger Freund. Geh', Joſephine, geh' und ſei der gute Engel, welcher Gott bittet, daß er mir bald dieſen Freund ſende!

*) Joſephinens eigene Worte. Siehe: Madame Abrantès, Salons de Paris, 1II. Joſephinens Ahnung erfüllte ſich in der That; ſie ſtarb bald nach Napoleons Abreiſe nach Elba, während die Verbündeten noch in Paris waren, am 30. Mai 1814.