Teil eines Werkes 
3. Abtheilung, Napoleon und Fürst Blücher : 4. Band (1859)
Entstehung
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fluthetes Angeſicht zwiſchen ſeine beiden Hände und ſchaute es an mit den zärtlichen, ſeligen Blicken eines Liebenden und küßte wieder ihre zuckenden Lippen. Dann preßte er ſie wieder in ſeine Arme, und nun nicht mehr im Stande ſein Herz zu bezwingen, ſenkte der Kaiſer ſein Haupt an Joſephinens Schulter und weinte, weinte laut und bitterlich!

Lange hielten ſie ſich umarmt, und nichts als ihre Seufzer, ihr leiſes Schluchzen unterbrach die Stille. Dann auf einmal richtete Na⸗ poleon ſich wieder empor und ſein Antlitz nahm wieder ſeinen ehernen, undurchdringlichen Ausdruck an.

Joſephine, ſagte er, Du haſt viel um mich weinen müſſen, aber Du ſiehſt es, das Schickſal hat Dich gerächt, Du ſiehſt, ich habe auch geweint, und ſchlimmer noch als Thränen iſt das, was in mir wühlt und keine Thränen hat. Ich danke Dir, Joſephine, daß Du ge⸗ kommen biſt. Sie haben mich Alle verlaſſen, Alle!

Ich weiß es, Napoleon, flüſterte Joſephine, unter Thränen lächelnd. Ich weiß Alles, und deshalb bin ich hier. Du wirſt nicht einſam und

allein nach Elba gehen, ich werde mit Dir gehen. Nein,

nein, ſchüttle nicht Dein liebes, bleiches Haupt, verſtoße mich nicht. Ich habe ein Recht, Dich zu begleiten, denn was auch die Prieſter und

die Menſchen ſagen, ich war Dein Weib und bin Dein Weib, denn 4

was Gott zuſammengefügt hat, das kann der Menſch nicht ſcheiden.

Und meine Seele iſt mit der Deinen zuſammengefügt! Ich liebe Dich heute noch ſo innig als an dem Tage, wo ich mit Dir zum Altar trat und Dir ewige Treue ſchwur, ich liebe Dich heute noch inniger, denn heute biſt Du unglücklich, heute bedarfſt Du meiner Liebe. Heiße mich

alſo nicht wieder fortgehen. Sie iſt nicht hier, ſie hat den Platz an Deiner Seite leer gelaſſen und alſo gebührt er mir!

Nein, ſagte Napoleon ernſt, die Leere an meiner Seite möge ſie an ihre Pflicht mahnen. Ich will der Mutter meines Sohnes nicht einen Vorwand geben, daß ſie ſich von mir fern halten kann, ſie ſoll nicht ſagen, daß ſie nicht zu mir kommen kann, weil ich einer anderen Frau die Stelle überlaſſen habe, die ihr allein gebührt. Nein, Joſe⸗

phine, ſie ſoll mir keinen Vorwurf machen dürfen. Ich danke Dir,