Teil eines Werkes 
3. Abtheilung, Napoleon und Fürst Blücher : 4. Band (1859)
Entstehung
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MII.

Eine Seele im Tegefeuer.

Es war am elften April. Napoleon befand ſich in ſeinem Kabinet zu Fontainebleau. Er ſaß vor ſeinem Schreibtiſch und ſtarrte auf das Papier hin, das vor ihm auf dem Tiſch lag.

Dieſes Papier, das war die Acte ſeiner unbedingten Entſagung für ſich und ſeine Familie auf den Thron Frankreichs. Einmal dieſes Papier unterzeichnet, war Napoleon nicht mehr der Kaiſer von Frank⸗ reich, ſein Sohn nicht mehr der König von Rom, ſeine Gemahlin nicht mehr die Kaiſerin, vielleicht nicht einmal mehr ſeine Gemahlin.

Einmal dieſes Papier unterzeichnet, nahm er alle Bedingungen

der Verbündeten an. Das heißt: er ſtieg von dem ſtolzen Thron aller ſeiner Reiche nieder und ging auf die kleine Inſel Elba, um dort als penſionirter Kaiſer ein kleines Schattenreich zu regieren; das heißt: ſeine Gemahlin führte nicht mehr, gleich ihm, den Titel einer Kaiſerin, ſondern ſie ward die Herzogin von Parma, und der König von Rom . ward nicht der Erbe ſeines Vaters, des Kaiſers von Elba, ſondern der Erbe ſeiner Mutter, der Herzogin von Parma, und man wollte 1 ihm den Titel:der Herzog von Reichſtadt geben. Einmal alſo dieſes Papier unterzeichnet, hatte er nicht blos Frank⸗ reich entſagt, ſondern auch ſeiner Gemahlin und ſeinem Sohne! Und Napoleon liebte dieſe Beiden, er war Marie Louiſen mit 6 aufrichtiger Neigung zugethan, er liebte den König von Rom mit leidenſchaftlicher Zärtlichkeit. Ehe er alſo einwilligte, die Entſagungs⸗

acte zu unterzeichnen, wollte er wiſſen, ob Marie Louiſe damit einver⸗

ſtanden ſei, ob ſie nicht von den Verbündeten, zu denen ihr eigener

Vater gehörte, wenigſtens fordern wolle, daß man ihr geſtatte, mit

ihrem Sohne bei ihrem Gemahl auf der Inſel Elba zu wohnen, mit ihm ſein Exil zu theilen.

Napoleon hatte lange keine Nachricht von ſeiner Gemahlin er⸗

halten; er ſchrieb ihr täglich, aber ſeit ſechs Tagen waren die Ant⸗