Teil eines Werkes 
3. Abtheilung, Napoleon und Fürst Blücher : 4. Band (1859)
Entstehung
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Ich ſoll abdanken auch für meinen Sohn, für meinen lieben klei⸗ nen König von Rom? rief Napoleon ſchmerzlich. Nein, nein, nimmer⸗ mehr! Ich kann meinen Sohn ſeines Erbes nicht berauben. Lieber will ich den letzten Kampf der Verzweiflung kämpfen, mich an die Spitze meiner Armee ſtellen und, die Rechte meines Sohnes verthei⸗ digend, entweder ſiegen oder ſterben.

Sire, ſagte Caulaincourt ſeufzend, Ew. Majeſtät hat keine Armee mehr. Der Verrath iſt auch unter Ihre Marſchälle eingedrungen.

Was heißt das? rief Napoleon haſtig. Was wollen Sie damit ſagen? Es iſt wahr, Sie kommen allein! Wo ſind die Marſchälle? Wo ſind Ney und Macdonald?

Sire, ſie ſind in Paris zurückgeblieben.

Ach, ich verſtehe, rief Napoleon mit einem bittern Lächeln, ſie er⸗ warten dort den König Ludwig den Achtzehnten, um ihm ihre Dienſte anzubieten. Aber wo iſt Marmont? Sie wiſſen wohl, ich liebe Marmont, und ich ſehne mich, ihn zu ſehen. Warum kommt er denn nicht?

Sire, ſagte Caulaincourt nach einer langen Pauſe, der Marſchall Marmont iſt mit dem ihm von Ew. Majeſtät anvertrauten Truppen⸗ corps von zehntauſend Mann zu den Verbündeten übergegangen.

Marmont, rief Napoleon faſt mit einem Schrei, Marmont ein Verräther? Das iſt nicht wahr, das iſt nicht möglich! Marmont kann mich nicht verrathen haben!

Sire, er hat es dennoch gethan. Er hat die Truppen, trotz ihres offenen Widerſtrebens, nach Verſailles geführt, um dort ſich mit den Verbündeten zu vereinen, nachdem dieſe ihm feierlich zugeſagt, daß ſie die franzöſiſchen Truppen als befreundete betrachten wollen.

Marmont hat mich verrathen! murmelte Napoleon. Marmont, den ich geliebt habe, wie einen Sohn, der mir Alles verdankt, was er iſt, der Seine Stimme ſtockte, das Herz von Bronce hatte einen Riß bekommen, und das weiche, blutende Menſchenherz ward darunter ſichtbar. Er ſank auf einen Stuhl nieder und legte langſam ſeine beiden Hände über ſein zuckendes Angeſicht.

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