Teil eines Werkes 
3. Abtheilung, Napoleon und Fürst Blücher : 4. Band (1859)
Entstehung
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VII. Uapoleon in Fontainebleau.

Sieben Tage der Qual, der verſchwiegenen Verzweiflung waren überwunden, ſieben Tage der entſetzlichſten Seelenpein hatte Napoleon in Fontainebleau durchlebt. Alle Bitterniſſe, alle Enttäuſchungen des Unglücks waren über ihn gekommen, aber er hatte Alles ertragen mit dem Anſchein unerſchütterlicher Ruhe, ohne äußerliche Klage, ohne Er⸗ mattung und ohne Zorn. Es war immer noch das kalte, undurchdring⸗ liche, eherne Antlitz des Imperators, wie es geweſen bei ſeinem Triumph⸗ zug in Madrid und Berlin, nach den Siegen von Jena und Auſterlitz, in den Ruhmestagen von Erfurt und Jena, in dem brennenden Moskau, vor den Leichenbergen an der Bereſina und am Rückzugstage von Leipzig. Dieſes Antlitz des Imperators verrieth nichts von den Qualen, die Napoleons Seele erduldete. Nur in der Stille der Nacht hörten ſeine treuen Diener ihn zuweilen klagen und ſeufzen, und raſtlos, un⸗ aufhaltſam, wie einen gefangenen Löwen, in ſeinem Zimmer auf⸗ und abgehen.

Aber noch immer fühlte er ſich nicht ganz entmuthigt, immer noch hoffte er. Die treueſten und tapferſten ſeiner Marſchälle waren ja noch bei ihm in Fontainebleau, ſeine alte Garde hatte ihn noch nicht verlaſſen, in Paris hatte er ſo viele Getreue, welche für ihn wirken mußten, weil ſie ihm Alles dankten, weil er ihnen Alles gegeben, Na⸗ men, Ruhm, Ehre und Reichthum.

Er hoffte noch immer auf den Tag, wo der Marſchall Marmont mit ſeinen Truppen in Fontainebleau ankommen würde, und wo dann, alle ſeine Truppencorps vereinigend, der Kaiſer mit ihnen nach Paris ziehen und ſeine Hauptſtadt wieder erobern werde.

Dieſen Plan überdenkend, war er heute in ſeinem Kabinet allein; über die Landkarte geneigt, prüfte er mit ernſten Blicken die verſchie⸗ denen Stellungen ſeiner Truppen und überlegte, wann endlich ſie alle bei ihm eintreffen könnten.