*.
681
gelegt und weinte bitterlich. Der kleine König lag noch immer auf den Knieen und hatte den Blick zum Himmel erhoben.
Plötzlich ward die Thür, nach welcher die Kaiſerin ſo lange und ſehnſuchtsvoll hinübergeſchaut, haſtig geöffnet. Marie Louiſe zuckte zu⸗ ſammen und ließ ihre Hände von ihrem Antlitz gleiten, und alle die thränengefüllten, trüben Augen der Anweſenden hefteten ſich gleich denen der Kaiſerin auf den Eintretenden hin.
Es war nicht der König Joſeph, welcher kam, ſondern der Adjutant des Generals Clarke, des Kriegsminiſters der Regentin. Er näherte ſich ehrfurchtsvoll der Kaiſerin und bat um die Erlaubniß, ihr eine Botſchaft des Miniſters mittheilen zu dürfen.
Sprechen Sie, ſagte Marie Louiſe haſtig, und ſprechen Sie laut, damit Jedermann gleich erfahre, welche Nachrichten wir erhalten.
Ich bin von Sr. Excellenz dem Kriegsminiſter beauftragt, Ew. Majeſtät in ſeinem Namen zu beſchwören, daß Sie ſofort und unge⸗ ſäumt abreiſen. Se. Excellenz iſt der Meinung, daß jede Minute die Gefahr vergrößert, und daß vielleicht nach einer Stunde ſchon Ihre Abreiſe nicht mehr möglich ſein dürfte, weil Ew. Majeſtät ſich der Gefahr ausſetzten, Koſacken⸗Streifcorps in die Hände zu fallen. Die ruſſiſchen Corps rücken immer näher heran, und bald werden die Donner der Schlacht vor den Thoren von Paris erſchallen.*)
Nun denn, ſagte Marie Louiſe mit bebenden Lippen, ſo ſei es! Laſſen Sie uns abreiſen!
Eine allgemeine Bewegung durchlief den großen Saal. Jeder⸗ mann fühlte, daß die Stunde der Entſcheidung gekommen ſei, Jeder⸗ mann fühlte ſich feierlich bewegt und überwältigt von der Größe des Moments.
Die Kaiſerin trat raſch einige Schritte vorwärts. Kommen Sie! rief ſie in fieberhafter Aufregung. Laſſen Sie uns abreiſen nach Rambouillet!
Plötzlich faßte der König von Rom heftig ihre Hand und wollte
*) Meneval: Marie Louise II. p. 266.
—
———* ———
——
—————


