674
Mit einem Wink ſeiner Hand heißt der Kaiſer die Marſchälle zurücktreten, und ſein Haupt dem Boten ſeines Bruders hinneigend, wiederholt er ruhig: Sprechen Sie jetzt!
Sire, flüſtert der Bote, der König läßt Ew. Majeſtät melden, daß die Verbündeten ſchon unweit Paris ſtehen, daß die Marſchälle Mar⸗ mont und Mortier zwar zur Vertheidigung der Hauptſtadt entſchloſſen ſind, aber nicht hoffen dürfen, mit ihren geringen Streitkräften die Stellung vor Paris lange zu behaupten. Der König läßt Ew. Ma⸗ jeſtät beſchwören, Alles anzuwenden, um zur Rettung Ihrer Haupt⸗ ſtadt herbeizueilen.*)
Jetzt, nachdem er dieſe Botſchaft vernommen, jetzt zum erſten Mal ſinkt der Schleier von dem Angeſicht des Kaiſers, und man ſieht es unverhüllt, dieſes bleiche, zerquälte Angeſicht, das zuckt vor Qual, dieſe tiefdunklen Augen, die einen verzweiflungsvollen Schmerzensblick zum Himmel emporſchleudern.
Hätt' ich Flügel, oh mein Gott, hätt' ich Flügel! ruft er mit einem Aufſchrei des Schmerzes. Könnte ich zu dieſer Stunde in Paris ſein! Hätt' ich Flügel!
Dann wird er ſtill und läßt das Haupt auf ſeine Bruſt ſinken, und ein tiefes Aechzen ſteigt aus ſeinem Innerſten hervor.
Schweigend ſtehen die Generäle um ihn her und ſchauen ihn an mit düſtern Blicken.
Jetzt hebt er das Haupt wieder empor; große Schweißtropfen ſtehen auf ſeiner Stirn, aber ſein Antlitz iſt wieder ruhig.
General Dejean, ruft er mit machtvoller Stimme, hierher zu mir!
Der General eilt herbei.
Reiten Sie, ſo raſch Sie können, nach Paris. Melden Sie mei⸗ nem Bruder, daß ich in Eilmärſchen heranrücke. Eilen Sie alsdann
zu Marmont und Mortier, ſagen Sie ihnen, ſie ſollen kämpfen bis auf's Aeußerſte, ſie ſollen alle Mittel anwenden, um ſich nur zwei Tage noch zu halten. In zwei Tagen werde ich vor Paris ſein, nur noch zwei Tage, und Paris iſt gerettet! Zwei Tage des Ausharrens, des
*) Fain, Manuscrit de 1814. 101.


