Teil eines Werkes 
3. Abtheilung, Napoleon und Fürst Blücher : 3. Band (1859)
Entstehung
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Ganz Berlin jubelte an dieſem Tage; in jedem Haus, in jeder Familie fanden Feſte ſtatt zur würdigen Feier des Tages, überall, trank und jubelte man zu Ehren der großen Völkerſchlacht bei Leipzig.

Aber während dieſes allgemeinen Jubels verließ der König ganz allein, ohne Gefolge, nur begleitet von ſeinem alten Freunde, dem General von Köckeritz, Berlin und fuhr nach Charlottenburg. Niemand achtete auf dieſe unſcheinbare zweiſpännige Equipage ohne Wappen und Livrée, die da zum Brandenburger Thor hinausfuhr, und ganz unbe⸗ merkt gelangte der König nach Charlottenburg.

Aber er trat nicht in das Schloß ein, ſondern befahl Köckeritz, den Kaſtellan zu rufen, damit dieſer das Grabgewölbe der königlichen Gruft öffne; dann ſich tiefer in ſeinen Mantel hüllend, unter dem er etwas zu verbergen ſchien, ſchlug der König den einſamen dunklen Pfad ein, der zu dem Mauſoleum führte.

Langſam, erhobenen Hauptes, verloren in tiefe Gedanken ging der König eine Zeit lang in dieſer düſtern Allee von Tarus und Tannen auf und ab. Tiefe Stille, heiliger Friede umgab ihn hier. Kein Ton des Jubels und der Freude fand hier ſeinen Wiederhall, kein Geräuſch unterbrach dieſes tiefe heilige Schweigen, nur zuweilen fuhr ein leiſer Wind durch die Bäume dahin, und ſie rauſchten und murmelten wie mit Geiſterſtimmen, den heimgekehrten König begrüßend.

Friedrich Wilhelm ſeufzte ſchwer. Die Erinnerungen der ver⸗ gangenen Jahre voll Herbigkeit und Bitterkeit kamen über ihn, alle ausgelittenen Schmerzen erwachten auf einen Moment wieder in ihm, alle ausgebrannten Qualen wurden wieder lebendig. So Vieles hatte er erlebt, erduldet und ertragen, und immer allein, ganz allein! Und wie er allein geweſen in ſeinen Schmerzen, ſo war er auch jetzt allein in ſeinem Glück. Niemand war bei ihm in dieſer großen Stunde heiliger Freude, Niemand verſtand ſein Herz, Niemand, als Sie allein. Ihr Geiſt war bei ihm, Ihr Auge leuchtete zu ihm nieder! Der Gram

und Kummer um die Schmach ihres Landes hatte Ihr den Tod ge⸗

geben, die Freude und der Stolz um den Sieg ihres wiedererſtandenen Landes mußte Sie erwecken von den Todten. Langſam ſchritt der König jetzt den Weg zu dem Mauſoleum hin.