Teil eines Werkes 
3. Abtheilung, Napoleon und Fürst Blücher : 3. Band (1859)
Entstehung
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Die Thür war offen, leiſe auf den Zehen trat er ein. Mit einem ſcheuen Blick ſchaute er umher, um ſich zu überzeugen, daß er allein ſei, daß Niemand dieſen Kirchgang ſeines Herzens belauſche. Nun warf er den Mantel ab, denn das, was er unter demſelben getragen, bedurfte jetzt keiner Verhüllung mehr. Es war der Lorbeerkranz, den er geſtern in Leipzig als Siegeszeichen erhalten.

Mit dieſem Lorbeerkranz in der Hand näherte ſich der König leiſe dem ſchwarzen Sarkophag da drüben. In dieſem Sarkophag ruhte ſein ganzes Erdenglück, ſeine Bugend, ſeine Liebe. In dieſem Sarkophag ruhte Sie! Louiſe!

Er neigte ſich über ihn und küßte die Stelle, wo im Innern ihr Haupt ruhen nußte, dann legte er auf dieſe Stelle den Lorbeerkranz nieder.*)

Nimm ihn hin, Louiſe, flüſterte er leiſe. Dir gebührt der Lorbeer! Dein Geiſt war mit uns, und er hat uns zum Sieg geführt. Oh, Louiſe, warum haſt Du mich verlaſſen? Warum biſt Du nicht bei mir in den Tagen des Glückes, wie Du es in den Tagen des Un⸗ glückes warſt? Ich habe Deine ſchönen Augen ſo viele Thränen ver⸗ gießen ſehen, und jetzt kann ich ſie nicht aufleuchten ſehen im Glanz der Frende, kann ich Deine liebliche Stimme und Dein frohes Lachen nicht wieder hören! Bin allein, ganz allein!

Er lehnte ſein Haupt auf den Sarkophag, und ſein Antlitz in den Lorbeerkranz drückend, weinte der König heiße Thränen in dieſe Lorbeern, die ihm geſtern der Sieg verliehen.

Dann nach einer langen Pauſe richtete er ſich wieder empor; er hatte den Schmerz wieder in ſeine Bruſt niedergekämpft und ſeine Augen waren thränenleer!

Lebe wohl, meine Louiſe! ſagte er, lebe wohl! Ich weiß, daß Du bei mir biſt und daß Deine Liebe mich begleitet! Lebe wohl!

Und einen letzten Scheideblick auf den Sarkophag werfend, verließ der König die heilige Zelle und wandelte langſam und ſtill durch den dunklen Cypreſſengang wieder dem Schloſſe

*) Eylert, Charakterzüge aus dem Leben Friedrich Wilhelm II. 7 I. Seite 162.