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Ach, ſeufzte der König, ich dachte beſſer von meinen Sachſen! Sie ſind zu Verräthern geworden, und nie wird ſich mein Herz dar⸗ über tröſten.
Aber es iſt jetzt nicht Zeit, ſich irgend einem Kummer hinzugeben, ſagte Napolevn. Ew. Majeſtät müſſen ſogleich Leipzig verlaſſen. Sie dürfen ſich nicht den Gefahren einer Capitulation ausſetzen, die leider unabweislich geworden. Kommen Sie, Sire, vertrauen Sie ſich mir an. An meiner Seite und inmitten meiner Truppen werden Sie un⸗ gefährdet ſein!
Nein, ſagte der König entſchloſſen, nein, ich bleibe! Mögen ſie mich tödten, ich bin der Gefahren des Fliehens müde. Ich bleibe! Aber Sie, Sire, Sie müſſen eilen! Verlaſſen Sie uns! Ihr koſtbares Leben darf nicht gefährdet werden! Jede Minute vermehrt die Gefahr! Eilen Sie, Sire, ſich Ihrem Volk, Ihrer Gemahlin, Ihrem Sohn zu erhalten!
Meinem Sohn, ſagte Napoleon, und zum erſten Mal zuckte etwas wie ein Schmerzensausdruck über ſein Antlitz hin. Armer kleiner König von Rom, dem ſein eigener Großvater die Krone von den blonden Locken reißen will.— Er ließ ſein Haupt auf ſeine Bruſt ſinken, und ſtarrte düſter vor ſich hin.
Sire, eilen Sie! flehte der König. Eilen Sie! wiederholten die Königin und die Prinzeſſin.
In dieſem Augenblick rollte ein furchtbarer Kanonendonner daher, und die Fenſter klirrten von dem Gepraſſel der Gewehrſchüſſe.
Die Königin bedeckte ſich das Geſicht mit den Händen und ächzte laut, die Prinzeſſin war wieder auf die Kniee geſunken und betete, der König hatte das Haupt zurückgelehnt an den Fauteuil und lag da todesbleich, mit geſchloſſenen Augen.
Napoleon allein ſtand aufrecht; ſein Geſicht war ſchon wieder ruhig und unergründlich, ſeine düſter flammenden Blicke waren den Fenſtern zugewandt, und mit Aug' und Ohr ſchien er dem Geräuſch der Schüſſe zuzuhören.
Jetzt aber ward die Thür mit Heftigkeit geöffnet, und der General Caulaincourt erſchien bleich und athemlos auf der Schwelle.


