365 — Leben weihen.*) Das fühlt und erkennt auch mein edler Vater, das weiß meine geliebte Braut!
Und dennoch, da Sie im Einklang ſind mit Sich ſelber, mit Ihren Geliebten, dennoch ſtürmende Verzweiflung? fragte die Majorin mit einem feinen Lächeln. Was iſt's denn alſo, was den Dichter betrübt, und weshalb ſind Sie in Verzweiflung?
Theodor Körner blickte halb beſchämt vor ſich hin, dann hob er mit einem ſeltſamen Blick die glühenden Augen zu der jungen, ſchönen Frau empor.
Ach, gnädige Frau, rief er, ich errathe Ihre Liſt; es iſt die Liſt eines Engels, und darum Ihrer würdig!
Was für eine Liſt? fragte ſie mit dem Anſchein der Verwunderung.
Die Engelsliſt, mit der Sie mich über meinen Kummer getröſtet haben, ohne ihn zu kennen. Ich ſagte Ihnen im unartigen Herein⸗ ſtürmen, daß ich in Verzweiflung zu Ihnen käme. Und Sie, anſtatt mich ſogleich meinen Kummer ſagen zu laſſen, forſchten erſt nach den großen Angelegenheiten des Lebens, und ob mir von den Aeltern oder der Braut mein Leid komme. Dadurch wollten Sie mich ſelber ge⸗ mahnen, daß, da dieſe großen Dinge und Beziehungen meines Lebens ihre ſchöne Harmonie nicht verloren haben, mein Kummer ſelbſt wohl nur eine vorübergehende Diſſonanz ſei, und daß es eigentlich nicht der Mühe verlohne, darüber in Verzweiflung zu ſein. Nicht wahr, gnädige Frau, ich habe Sie verſtanden, und das wollten Sie bezwecken mit Ihren Fragen?
Frau von Lützow nickte leiſe. Sie haben mich verſtanden, ſagte ſie. Ich meine, wir ſollten immer bei allen Widerwärtigkeiten, die uns betreffen, zuerſt, bevor wir uns bekümmern oder ärgern, uns die großen Fragen des Lebens vorlegen, und erforſchen, ob das, was uns bedrückt, dieſe berührt, ob es unſer innerſtes Glück, unſere Seele und unſer Herz berührt. Wenn das aber nicht iſt, dann ſollten wir die Sache
*) Theodor Körner's eigene Worte. Siehe: Theodor Körner's ſämmtliche Werke. Herausgegeben von Carl Streckfuß. S. LIV. Theod. Körner's Brief an ſeinen Vater.


