Teil eines Werkes 
3. Abtheilung, Napoleon und Fürst Blücher : 3. Band (1859)
Entstehung
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Caroline! rief der Andere entſetzt. Welch' ein Frevel! Haben wir nicht unſere Frauennamen mit unſern Kleidern beim Juden Hirſch in Berlin gelaſſen, Leonore?

Ach, und doch nennſt Du mich auch noch bei meinem Frauen⸗ namen, ſagte Leonore mit einem ſanften Lächeln. Immerhin, was ſchadet es, wenn's Niemand hört! Der liebe Gott und wir zwei haben kein Geheimniß vor einander, und wir dürfen uns daher ſchon nennen mit den Namen, die wir in der heiligen Taufe empfangen haben.

Aber vor der Welt da heißen wir jetzt anders, da bin ich der tapfere Carl Peterſen, und Du wie heißeſt Du eigentlich jetzt, Leonore?

Carl Renz heiße ich, ſagte Leonore lächelnd. So hieß mein lieber, guter Lehrer, dem ich all mein bischen Wiſſen verdanke, und der die eigentliche Veranlaſſung zu dem Schritt iſt, den ich jetzt gewagt. Er war lange Soldat geweſen, und hing mit glühender Begeiſterung an dem Vaterland und an der Königsfamilie. Die Geſchichte war ſein Lieblingsſtudium, und mit flammender Beredtſamkeit erzählte er mir von den Heldenthaten, welche die um ihre Freiheit ringenden Völker der alten und neuen Geſchichte vollbracht hatten. Dann glänzten ſeine Augen wie in überirdiſcher Freude, und wie ein Strom von Poeſie floſſen ihm die Worte von den Lippen. Er lehrte mich, daß, wenn das Vaterland in Gefahr ſei, auch die Frauen die heilige Pflicht hätten, das Schwert zu nehmen zur Vertheidigung des Vaterlandes, und daß der ſchönſte Tod ſei, zu ſterben auf dem Felde der Ehre. Die Jung⸗ frau von Orleans und die Heldin von Saragoſſa waren ſeine Lieb⸗ lingsgeſtalten, und die Königin Louiſe nannte er nur die heilige Mär⸗ tyrerin für die deutſche Freiheit. Als ſie vor drei Jahren ſtarb, da war mein erſter Gedanke, wie mein alter Lehrer wohl dieſen Kummer ertragen werde, und daß es Fflicht ſei, ihn zu tröſten und aufzurichten. Ich eilte alſo zu ihm hin, und fand ihn traurig und niedergeſchlagen, wie ich ihn nie geſehen. Jetzt hoffe ich nichts mehr für Deutſchland, ſagte er mir, denn der Genius der deutſchen Freiheit hat uns ver⸗ laſſen und ſich zum Himmel gerettet! Die ſchöne und edle Königin Louiſe hätte vielleicht die Deutſchen noch einmal begeiſtern können, daß