Teil eines Werkes 
2. Abtheilung, Napoleon und Königin Louise;; 2. Band (1859)
Entstehung
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Er ging wieder heftig auf und ab, ſein bleiches Antlitz war leiſe angehaucht von einem röthlichen Schimmer, eine tiefe Bewegung ſtrahlte aus ſeinen Zügen.

Talleyrand mit ſeinem kalten, unveränderlichen Geſicht ſtand noch immer an der Thür und ſchien mit dem prüfenden Auge eines Arztes, der die Kriſis einer Krankheit belauſcht, jede Bewegung des Kaiſers zu verfolgen.

Ja, fuhr Napoleon nach einer Pauſe fort, ich will wieder gut machen. Dieſe ſchöne und edle Frau ſoll nicht mehr um mich weinen, ſie ſoll mich nicht mehr haſſen und mich als einen herzloſen Eroberer verwünſchen. Ich will ihr zeigen, daß ich ein großmüthiger Eroberer bin, ſie ſoll eingeſtehen müſſen, daß ſie ſich in mir geirrt hat. Ich will das zerſchmetterte Preußen wieder emporrichten. Ich will es ſtärker, mächtiger machen, als es geweſen, und ſtatt ſeine Grenzen zu verengen, will ich ſie erweitern. Dann, wenn ihre ſchönen Augen ſtrahlen vor Freude, will ich ihrem Gemahl meine Hand darreichen und zu ihm ſagen:Sie haben Unrecht gehabt, Sie ſind nicht offen gegen mich geweſen, ich habe Sie dafür geſtraft! Jetzt wollen wir Ihre Nieder⸗ lagen und meine Siege vergeſſen; ich will, ſtatt Sie zu ſchwächen, Sie

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vergrößern, damit Sie auch immer mein Alliirter ſind und bleiben! Talleyrand, zerreißen Sie die Friedensbedingungen, die Sie aufgeſetzt hatten, rufen Sie den Grafen Goltz zu einer neuen Beſprechung, be⸗ willigen Sie ihm ſeine Forderungen!

Sire, rief Talleyrand mit dem Anſchein des Entſetzens, Sire, ſoll die Nachwelt ſagen, daß Sie einer ſchönen Frau wegen Ihre ſchönſte Eroberung nicht gehörig benutzt hätten?*)

Der Kaiſer ſtutzte und eine düſtere Wolke begann ſich auf ſeiner Stirn zuſammenzuziehen. Talleyrand ſah es und fuhr fort: Sire, ſoll das Blut Ihrer tapferen Soldaten, die bei Jena, bei Eylau und Friedland gefallen ſind, nutzlos vergoſſen ſein und hinweggewaſchen werden von den Thränen einer Frau, die jetzt ſich als das unſchul⸗

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Siehe: Königin Louiſe, S. 309.

*) Talleyrands eigene Worte.