Teil eines Werkes 
2. Abtheilung, Napoleon und Königin Louise;; 2. Band (1859)
Entstehung
Einzelbild herunterladen

201

Stunde, in welcher Ew. Majeſtät mir erlaubten, in Ihre Hand den Schwur meiner unvergänglichen Treue und Anhänglichkeit niederzulegen, jener Stunde, in welcher Ew. Majeſtät geruhten, meine Hand anzu⸗ nehmen zum Bunde gegen Frankreich, wo Ew. Majeſtät gelobten, Alles, was in Ihren Kräften ſtände, zu thun, um Preußen auf der einmal betretenen Bahn zu erhalten und nicht zu dulden, daß ſein König jemals die perfide Freundſchaft Frankreichs annehme.

Ich habe jene Stunde nie vergeſſen, ich bin ihrer immer einge denk geweſen, ſagte die Königin ernſt. Derjenige, der damals der Dritte in unſerm Bunde war, der Prinz Louis Ferdinand, hat das Gelübde ſeiner Treue mit dem Tode beſiegelt, er ruht auf dem Felde der Ehre. Aber ich bin überzeugt, daß er vom Himmel auf uns niederſchaut und daß, wenn es den ſeligen Geiſtern gegeben iſt, auf die nichtigen Dinge der Erde Einfluß zu üben, er ſeinen Geiſt in unſere Bruſt ergießen und uns helfen wird zu den richtigen Zielen. Aber welches ſind die richtigen Ziele? Welches iſt der richtige Weg, den wir zu wandeln haben? Mein kurzſichtiges Auge vermag ihn nicht zu erkennen. Wenn ich die ungeheuren Erfolge, die nie endenden Triumphe des franzöſiſchen Eroberers anſehe, werde ich irre und frage mich ſelber: ob Gott nicht ſichtbar mit ihm iſt? Ob er nicht ihm die ganze Welt zu Eigen geben will, ob es daher nicht vergeblich iſt, wider ihn zu ſtreiten und ihn zu bekämpfen? Oh, meine Seele iſt zu⸗ weilen in einem traurigen Zwieſpalt mit ſich ſelber und finſtere Zweifel beängſtigen mein Gemüth. Aber jetzt fühle ich, daß wir vor der letzten Entſcheidung ſtehen, daß der heutige Tag über unſere ganze Zukunft beſtimmen wird. Der Groß⸗Marſchall Duroc wird noch heute hier ankommen, der Obriſt von Rauch iſt ihm vorausgeeilt und ſchon hier angelangt. Er hat dem König den Friedensvertrag überbracht, welchen Herr von Zaſtrow und Lucheſini in Charlottenburg mit Talleyrand abgeſchloſſen haben. Napoleon hat ihn ſchon unterzeichnet. Es fehlt nur noch die Unterſchrift des Königs, und wir ſind die Bundesgenoſſen und Vaſallen des Kaiſers von Frankreich, und wir müſſen das Schwert aus der Hand legen, oder wir müſſen, wenn Er es will, es gegen

unſern bisherigen Bundesgenoſſen, gegen Rußland kehren. Ein Feder⸗