—
569
Mariane Eybenberg war daher in ſtrahlender Toilette, geſchmückt mit Brillanten und Goldgeſchmeide, ſchön und ſtolz wie eine Königin anzuſchauen. Sie ſtand jetzt auf der Höhe ihres Glückes, ſie war noch immer ſchön, und ſie war außerdem gewiſſermaſſen die Patroneß der auserleſenſten Geſellſchaft Wiens, der Mittelpunkt der geiſtigen ſowohl, wie der ariſtocratiſchen Kreiſe geworden. Sie hatte ihr Ziel erreicht. Die Jüdin Mariane Meier war jetzt eine von der ganzen Welt aner⸗ kannte Standesperſon, und die Prinzeſſin Mariane Eybenberg fühlte ſich ſo ganz ſicher und heimiſch in ihrer Stellung, daß ſie ſelber faſt vergeſſen hatte, wer und was ſie früher geweſen. Nur zuweilen er⸗ innerte ſie ſich deſſen, nur dann, wenn dies Erinnern ihr zuweilen einen Triumph bereitete, und wenn ſie ſolchen Perſonen begegnete, welche ſie vor Zeiten mit ſtolzer Geringſchätzung in der guten Geſellſchaft höchſtens geduldet hatten, und welche es jetzt nicht verſchmäheten, um die Ein— führung in ihren Salon als um eine Gunſt ſich zu bewerben.
Dieſer Salon war jetzt in Wien die einzige Zuflucht der guten Geſellſchaft, der einzige Ort, wo man ſicher war, inmitten dieſer Wirren und dieſer Zerriſſenheit immer den Geiſtreichſten und Beſtge⸗ ſinnten zu begegnen, wo man niemals zu fürchten hatte, Leute von zweifelhafter Geſinnung oder gar Franzoſen zu treffen.
Aber freilich, ſeit die kaiſerliche Familie aus Wien entflohen war, hatte der Salon der Prinzeſſin Eybenberg ſich nach und nach verödet, denn der hohe Adel hatte ſich zurückgezogen auf ſeine Güter und Schlöſſer und die Miniſter und höheren Beamten waren dem Kaiſer und dem Hof nach Olmütz gefolgt. Auch die Geſandten wollten ſich jetzt dorthin begeben, und deshalb war das Feſt, welches der engliſche Geſandte, Lord Paget, heute der von ihm angebeteten Freundin Prin⸗ zeſſin Eybenberg gegeben, nicht bloß ein Freuden⸗ ſondern auch ein Abſchiedsfeſt.
Von dieſem Feſt, wie geſagt, war Mariane eben heimgekehrt. Mit lebhaften Schritten, verloren in tiefe Gedanken, ging ſie in ihrem Boudoir auf und ab, zuweilen leiſe Worte vor ſich hinmurmelnd, zu⸗ weilen tief aufſeufzend, wie in unendlicher Pein. Wie ſie eben wieder an dem großen venetianiſchen Spiegel vorüberkam, blieb ſie ſtehen und
—


