Teil eines Werkes 
1. Abtheilung, Rastatt und Jena : 3. Band (1859)
Entstehung
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Geküßt? ſtammelte ſie.

Ja, geküßt, ſeufzte die Königin, ich glaube wahrhaftig, es muß noch zu ſehen ſein!

Sie ging mit leichten, ſchwebenden Schritten zu dem großen Spiegel hin und betrachtete in demſelben ihre Schulter mit einem reizenden, kindlichen Lächeln.

Ja, dieſer kleine, rothe Fleck da, das iſt das Verbrechen des Herrn Himmel! ſagte ſie. Sagen Sie, Gräfin, welche Strafe hat er

verwirkt?

Darüber können die Gerichte allein entſcheiden, rief die Oberhof⸗ meiſterin feierlich. Denn es verſteht ſich von ſelbſt, daß wir ſogleich davon Anzeige machen. Das iſt Hochverrath, den dieſer Ver⸗ brecher begangen hat, man muß ſogleich dafür ſorgen, daß er ver⸗ haftet werde und unerhört wie ſein Verbrechen muß auch ſeine Strafe ſein! Erlauben Ew. Majeſtät, daß ich mich ſogleich zum König be⸗ gebe, um

Nein, meine liebe Oberhofmeiſterin, ſagte die Königin, welche noch immer vor dem Spiegel ſtand und ihre eigene Geſtalt betrachtete, nicht mit den zufriedenen Blicken einer eitlen Frau, ſondern mit den ruhigen, ſtrengen Augen eines Kritikers, der ein Kunſtwerk prüft, nein, meine liebe Oberhofmeiſterin, wir werden uns wohl hüten, dieſe Sache zum Eclat zu bringen. Und am Ende iſt der Herr Himmel auch gar nicht ſo ſtrafwürdig, als es den Anſchein hat.

Wie? Ew. Majeſtät wollen ihn noch vertheidigen?

Nicht vertheidigen, aber entſchuldigen, Gräfin! Er war neben mir als mein guter, alter Lehrer, ich war ihm nicht die Königin, ſondern die Schülerin, und zwar, geſtehen wir es uns nur hier in der Stille, wo nur Gott, der die ganze Sache verſchuldet hat, uns hört eine Schülerin mit ſehr ſchönen Schultern. Meine liebe Gräfin, ich bin eigentlich ſchuldiger als der arme Himmel, denn wenn

die Königin Schülerin wird, muß ſie ſich erinnern, daß ihr Lehrer ein

Mann iſt, und ſie muß ihn nicht blos als einen Automaten behandeln, welcher unterrichtet. Der einzige Richter, der in dieſer Sache zu ent⸗ ſcheiden hat, iſt mein Gemahl, der König. Er ſoll den Urtheilsſpruch

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