Teil eines Werkes 
1. Abtheilung, Rastatt und Jena : 3. Band (1859)
Entstehung
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Und weshalb, meine liebe Gräfin? fragte die Königin heiter.

Majeſtät, deshalb, weil es gegen alle Etiquette iſt, daß eine regierende Königin noch Unterricht nehme und einen Lehrer hat.

Wie, rief Luiſe, eine Königin darf alſo, der Etiquette gemäß, nichts mehr lernen?

Nein, Majeſtät, denn es iſt vollkommen unziemlich, daß einer Ihrer Unterthanen der Lehrer ſeiner Königin werde, daß überhaupt irgend ein Menſch es wagen darf, die Königin zu tadeln.

Nun, thun Sie das nicht recht oft, liebe Gräfin? fragte die Kö⸗ nigin gutmüthig.

Ich wage es nicht, die Königin zu tadeln, ſondern nur die Eti⸗ quette zu vertheidigen und aufrecht zu halten, wie es mein Amt und meine Pflicht erfordert. Aber eine Königin, welche Unterricht nimmt,

muß, ſo lange der Lehrer da iſt, von ihrem Thron herabſteigen, der

Würde ihres Ranges entſagen und ſtatt zu gebieten nur gehorchen.

Von Etiquette kann alſo gar nicht mehr die Rede ſein.

Sie haben gewiß recht, ſagte Luiſe heiter, wenigſtens iſt Herr Concertmeiſter Himmel ganz Ihrer Meinung, und die Etiquette küm⸗ mert ihn ganz und gar nicht. Soll ich Ihnen geſtehen, Frau Ober⸗ hofmeiſterin, weshalb der Herr Himmel heute um eine halbe Stunde zu früh fortgelaufen iſt?

Fortgelaufen? fragte die Oberhofmeiſterin entſetzt. Er hat es ge⸗ wagt, fortzulaufen in Gegenwart Ihrer Majeſtät?

Ja, er hat es gewagt, aber vorher hat er noch viel Schlimmeres gewagt. Er hat, doch, liebe Gräfin, ſetzen Sie ſich erſt, es möchte Ihnen ſchwindlich werden.

Nicht doch, Majeſtät, erlauben Sie mir zu ſtehen. Ew. Majeſtät wollten mir gnädigſt mittheilen, was der Herr Himmel nicht einmal von Adel iſt dieſer Lehrer einer Königin! was er gewagt hat.

Nun hören Sie, ſagte die Königin lächelnd und ſich dicht an das Ohr der Gräfin neigend, hören Sie: Er hat mich auf die Schulter geküßt!

Die Oberhofmeiſterin ſtieß einen durchdringenden Schrei aus und taumelte entſetzt zurück.

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