Teil eines Werkes 
1. Abtheilung, Rastatt und Jena : 3. Band (1859)
Entstehung
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Sagen Sie ſelbſt, Herr Himmel, iſt das nicht ſchön und rührend? fragte ſie, wieder zu ihrem Lehrer emporſchauend.

Schön und rührend für Diejenigen, welche viel geweint, und viel gehungert haben, ſagte Himmel rauh, aber ich begreife nicht, wie das Ew. Majeſtät rühren kann, Ew. Majeſtät, deren ganzes Leben bis jetzt wie ein einziger ſonnenheller Frühlingsmorgen die Welt durchleuchtet hat.

Bis jetzt, wiederholte die Königin ſinnend, ja, bis jetzt war mein Leben in der That ein ſonnenheller Frühlingsmorgen, aber wer kann ermeſſen, was für Wolken ſich ſchon am Horizont aufthürmen, und wie trübe und bewölkt der Abend ſein mag. Dieſes Lied klingt wie eine ſchwermuthsvolle Ahnung in meiner Seele wieder, und heftet ſich an ihre Schwingen, als wollte es ihren Flug lähmen.Wer nie ſein Brod mit Thränen, ach wie traurig das klingt, und welche lange Geſchichte der Leiden in dieſen wenigen Worten liegt!

Die Königin ſchwieg und über ihre Wangen floſſen langſam zwei Thränen nieder, die herrlicher und ſchöner erglänzten, als die Brillanten in ihrem goldenen Diadem.

Herr Concertmeiſter Himmel hatte vielleicht nicht den Muth, das Schweigen der Königin zu unterbrechen, oder vielleicht hatte er ihre Worte gar nicht recht gehört, und ſeine Gedanken waren mit ganz andern Dingen beſchäftigt, denn ſeine Mienen waren zerſtreut und düſter, ſeine Blicke ſchweiften im Zimmer umher, und kehrten doch immer wieder zu der Geſtalt der Königin zurück.

Auf einmal ſchien Luiſe ſich gewaltſam aus ihrem trüben Sinnen aufzuraffen, und indem ſie mit einer haſtigen Bewegung die Thränen aus ihren Augen fortſchüttelte, zwang ſie ſich zu einem Lächeln.

Es iſt nicht gut, ſich ſchwermüthigen Ahnungen hinzugeben, ſagte ſie, zumal in Gegenwart eines geſtrengen Herrn Lehrers. Wir müſſen unſere Zeit nützlicher verwenden, denn die Zeit iſt ein gar koſtbares Gut, und wenn ich ſie nicht heute zu Rathe gehalten hätte, ſo würde ich keine Stunde für meinen Herrn Lehrer übrig behalten haben, denn heute Abend iſt große Cour, und vorher habe ich noch einige Beſuche

f Ich habe alſo meine Abendtoilette ſchon am Nachmittag

zu empfangen. gemacht, und dadurch Zeit gefunden zu meiner lieben Geſangſtunde.

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