Teil eines Werkes 
1. Abtheilung, Rastatt und Jena : 3. Band (1859)
Entstehung
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Wahrheit gemäß beantworten. Das heißt, ſo viel als die Wahrheit bekannt iſt.

Und ſo viel als es überhaupt eine Wahrheit giebt, rief Thugut achſelzuckend. Jedes Ding hat ſeine zwei Seiten, und beide ſind wahr, je nach dem Standpunkt, von welchem man ſie anſchaut. Sie ſelber, mein Herr, haben zwei Seiten, und gar wunderlich contraſtiren dieſe mit einander. Sie ſind ein Schweizer und ſchildern in Ihren Werken die Habsburgiſchen Fürſten mit einer Begeiſterung, wie keiner unſerer einheimiſchen Schriftſteller. Sie ſind ein Republikaner und dienen doch der Monarchie, deren Formen Ihnen recht wohl zu gefallen ſcheinen, Sie ſind ein orthodoxer Reformirter, und haben doch die Reiſen der Päpſte und die Briefe zweier Domherren geſchrieben, Sie ſind ein Gerechter und haben doch ſogar an dem tyranniſchen König Ludwig KI. von Frankreich gute und lobenswerthe Eigenſchaften entdeckt. Nun ſagen Sie mir, mein Herr, welches iſt Ihre wahre Seite und was ſind Sie eigentlich?

Ich bin ein Menſch, ſagte Johannes Müller ſanft, ich fehle und irre, wie Menſchen pflegen, und mein Herz ſchwankt hin und her, wenn auch nicht mein Kopf. Mit meinem Kopf ſtehe ich über allen Parteien und über allen individuellen Geſinnungen, und darum kann ich die Reiſen der Päpſte und die Geſpräche zweier Domherren ſchreiben, ob⸗ wohl ich, wie⸗Ew. Excellenz ſagen, ein orthodoxer Reformirter bin, und darum kann ich, die Habsburger loben und der Monarchie dienen, obwohl ich ein Republikaner bin. Aber mein Herz ſteht nicht über den Parteien, mein Herz liebt die Menſchheit und erbarmt ſich ihrer Schwächen, und darum kann es an Ludwig XI. von Frankreich noch lobenswerthe Eigenſchaften entdecken, denn in dem ſchlechten König verfolgt es immer noch die Spur des Menſchen, den die Natur gut geſchaffen.

Das ſind die Anſichten Jean Jacques Rouſſeau's, rief Thugut verächtlich, aber dieſe Anſichten paſſen nicht für die Welt und das Leben; wer den Menſchen Vortheile abgewinnen will, der muß vor allen Dingen auf ihre ſchlechten Eigenſchaften ſpeculiren und dieſen ſchmeicheln. Mit rein tugendhaften Menſchen zu verkehren, iſt lang⸗ Mühlbach, Napoleon. I. Bd. 25

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