ralin
189
erſten, leiſen Schriftzügen des Alters gezeichnet. Aber ihre großen, dunklen Augen ſtrahlten noch in dem unvergänglichen Feuer innerer Jugend, und um ihren edel geformten, leicht aufgeworfenen Mund ſpielte ein holdes, anmuthiges Lächeln, das ihr gänzes Antlitz wie mit einem Abendſonnenſtrahl verklärte. Ihre zierliche, anmuthige Geſtalt war in ein enganſchließendes Sammetgewand von dunkelgrüner Farbe gehüllt, das reich mit koſtbarem Pelzwerk verbrämt war, ein kleiner, gleichfalls mit Pelz eingefaßter Hut bedeckte ihr Haupt, und unter dieſem Hut floſſen reiche, dunkle Locken nieder und faßten das ſchöne, edle Oval ihres Angeſichts wie mit einem dunklen Rahmen ein.
Immer noch war die Generalin Joſephine Bonaparte eine anzie⸗ hende, reizende und liebenswürdige Erſcheinung, und man begriff bei ihrem Anſchauen ſehr wohl, daß Bonaparte, obwohl jünger an Jahren, von dieſer liebreizenden Frau gefeſſelt und für ſie in höchſter Leiden⸗ ſchaft erglüht war.
Die franzöſiſchen Schauſpieler machten jetzt ihrem Entzücken durch lautes Jubelgeſchrei Luft, ihre Hüte hoch emporſchwenkend, riefen ſie: vive la citoyenne Bonaparte! Vive l'auguste Epouse de l'Italique!
Joſephine nickte lebhaft und mit liebenswürdiger Herablaſſung den enthuſiaſtiſchen Schreiern zu und fuhr langſam weiter. Jetzt, den Di⸗ plomaten ſich nähernd, nahm ſie eine ernſtere, aufrechtere Haltung an; ſie empfing die tiefen, ehrfurchtsvollen Verbeugungen der Cavaliere mit dem vornehmen, zugleich nachläſſigen und verbindlichen Anſtand einer Königin, ſie ſchien für jeden Einzelnen einen Blick des Dankes, ein Lächeln der Huld zu haben. Jeder war überzengt, von ihr beſonders bemerkt und ausgezeichnet worden zu ſein, und Jeder war daher ge⸗ ſchmeichelt und erfreut. Von den Diplomaten wandte ſie einen Moment ihr Haupt auf die andere Seite, den Damen zu, welche da in den ſtattlichen Equipagen ſaßen. Aber ihr ſcharfer Blick, ihr zarter Frauen⸗ Inſtinct lehrte ſie, daß dieſe Damen, trotz des Glanzes, der ſie umgab, nicht die Vertreterinnen der vornehmen Welt ſeien; ſie begrüßte ſie daher mit einem raſchen Kopfneigen, einem gütevollen Lächeln, einem flüchtigen Gruß ihrer Hand und wandte das Haupt wieder ab.
Nun fuhr ihr Wagen durch das Thor, die Cavaliere umgaben ihn


