Teil eines Werkes 
3. Theil, Zwei Lebenswege : 3. Band (1860)
Entstehung
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Er mußte mich für ſchuldig halten, weil ich nicht mehr den Muth hatte, wahr zu ſein! Und darum, zürne ihm nicht! Zetzt noch flucht er mei⸗ nem Andenken, aber es wird eine Zeit kommen, wo er mir verzeiht, wo er um mich weint, wo er ſehnend die Arme nach mir ausſtreckt und fühlt, daß ich ihn unausſprechlich geliebt habe. Wenn dieſe Zeit gekommen, dann eile zu ihm, dann nimm ihn an Dein Herz und tröſte ihn, bringe ihm meinen Segen, und ſage ihm, daß ich ihn ewig, ewig liebe! Giſela.

Als Giſela dieſen Brief vollendet, war die Nacht bereits hereingebrochen. Sie ſiegelte und adreſſirte die beiden Briefe, und ſie auf dem Tiſche liegen laſſend, verließ ſie ihr Zimmer. Im Hauſe war Alles ſtill, nur die Magd ſaß ſchlummernd auf dem Hausflur.

Giſela ging, leicht und geräuſchlos, einem Schatten gleich, an ihr vorüber, und verließ das Haus.

Es war eine finſtere, ſtürmiſche Nacht.

Der pfeifende Wind jagte dunkle Wolken am Monde vorüber, daß er zuweilen gänzlich ver⸗ ſchwand, zuweilen, die Wolken durchkämpfend, mit grellem, kalten Licht die Gegend beleuchtete.

Brauſend ſchlugen die Waſſer des See's an's Ufer, zuweilen im Widerſchein des Mondes grell aufleuchtend, dann wieder tief dunkel hinbrauſend. Dunkel und ſchwarz, gleich ernſten Rieſenwäch⸗