Teil eines Werkes 
3. Theil, Zwei Lebenswege : 3. Band (1860)
Entstehung
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Rechte! Sie verzeiht Dir eher ein Verbrechen, als den Muth, ihr zu trotzen! Liebſt Du aber Dein Kind recht, ſo ſchließ es ein in Deiner Kammer, ſo verbirg es vor den Menſchen, denn es iſt ihm beſſer mit wilden Thieren zu ſpielen, als mit der Welt, und die Thiere ſind großmü⸗ thig gegen die Welt. Der Löwe, ſagt man, ſchont der Unſchuld, die Welt aber zerfleiſcht ſie! Und was ſoll ich mit dieſer troſtloſen Wahrheit, erkauft mit meinem Blute, was ſoll ich hienieden?

Mein Muth iſt gebrochen, meine Kraft gelähmt.

Mein Vater, zürne nicht Deinem ſchwachen Kinde, weil es jetzt unterliegt! Und höre, höre die Bitte Deiner Tochter, das Vermächtniß, das ich Dir zurücklaſſe!

Es iſt der Mann, den ich liebe, der Graf Leontin! Zürne ihm nicht, daß es ihm an Muth fehlt, der Welt zu trotzen, und mir zu vertrauen!

Was willſt Du, er iſt noch ſo jung, ſo wenig geſtählt gegen den Schmerz, und dann auch bin ich nicht ohne Schuld gegen ihn. Hätte ich, ich ſelbſt den Muth gehabt, ihm die traurige Geſchichte meiner

Vergangenheit zu erzählen, vielleicht, daß er mir vertrauet, daß er um mich Alles verlaſſ en hätte.

Aber ich ſchwieg, und dies Schweigen, das erſte Zugeſtändniß, das ich aus Furcht der Welt gemacht, dies Schweigen war mein Unrecht! Das iſt das Entſetzliche, daß die Welt unſere Wahrhaftigkeit beſiegt und uns zur Lt zwingt!