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mich wird Dir ſein wie ein finſterer Traum, wie die Schneeflocken eines vergangenen Winters! Möch⸗ ten ſie aufthauen unter den Thränen des Mit⸗ leids, die Du, mir nicht mehr zürnend, meinem Andenken einſt weiheſt! Lebe wohr!“
Als Giſela dieſen Brief geendet, ſank ſie kraftlos zurück, und ein krampfhaftes Schluchzen drang aus ihrer Bruſt hervor.
Sie lehnte ſich zurück, und rang mit ihrer Qual. Aber bald war ſie wieder ruhig und gefaßt. Abermals ergriff ſie die Feder und ſchrieb:
Giſela an den Pfarrer Herrmann.
„Verzeihung mein Vater! Ich habe das Ban⸗ ner beſchimpft, das Du in meine Hand gelegt, und meine Hände ſind nicht würdig, es länger zu tragen. Siehſt Du das Blut, das daran klebt? Es iſt mein Blut, und jetzt ſinke ich zuſammen, unfähig, weiter zu gehen!— Weißt Du noch, mein Vater, als ich, Abſchied nehmend, vor Dir kniete, als Du mich ſegneteſt für die Welt mit dem Worte:„Thue Recht und ſcheue Niemand!
Mein Vater, dieſer Segen iſt mir zum Fluch geworden, an dem ich verblutet bin! Es iſt ein gefährlich Wort, und haſt Du ein Kind, das Du liebſt und es hinausſchicken willſt in die Welt, ſo gieb ihm nicht dies Wort als Begleiter mit. Segne es lieber mit dem Spruch: afürchte die Welt, und nur, wenn ſie Dir es geſtattet, thue das


