Teil eines Werkes 
3. Theil, Zwei Lebenswege : 3. Band (1860)
Entstehung
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gewandter Blick ſchien in den fliegenden Wolken zu leſen, ſo ſtarr war er auf ſie gerichtet, ſo me⸗ chaniſch folgte er ihnen.

Ich frage Dich im Namen Deiner Mutter, ſagte Judith mit jener heuchleriſchen Feierlichkeit, die ihr zuweilen eigen war,ich frage Dich, biſt Du nicht jene, wegen Giftmordes angeklagte Gi⸗ ſela von Waidmann?

Giſela's Blicke ſenkten ſich, ſie hatte in den Wolken geleſen, daß ihr Verhängniß erfüllt ſei, und jetzt ſchaute ſie auf Judith mit einem Blicke unausſprechlichen Mitleids, tiefen, wehmüthigen Er⸗ barmens. Sie hatte überwunden, der Kampf war vorüber, ſie dachte nicht mehr an ſich.

Athemlos, zitternd und angſtvoll, ſah Leontin zu ihr empor.

Giſela blickte ihn lange und forſchend an, und ſie ſah in ſeinen Zügen Angſt und Zweifel, Sorge und Pein, nicht jenes unerſchütterliche Vertrauen, das er ihr oft geſchworen, und ein bitteres, me⸗ lancholiſches Lächeln umſpülte ihre Züge.

Biſt Du nicht jene angeklagte Giſela von Waidmann? wiederholte Judith ihre Frage.

Giſela richtete ſich ſtolzer und höher auf, dann ſagte ſie mit lauter, voller Stimme:Ich bin es, Judith, bin Deine Schweſter Giſela!

Ein dumpfer Schrei tönte von Leontin's Lip⸗ pen, dann ſprang er empor, zitternd, mit wuth⸗ blitzenden Augen, ſein ganzes Antlitz leuchtend in