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Schritt flog ſie die Stiegen empor, die zu Juliens Wohnung führten, trat ſie hochklopfenden Herzens in das Gemach, den finſtern, grollenden Blick, mit dem Julie ihren Gruß erwiederte, gar nicht bemerkend.
„Julie, liebe Julie,“ ſagte ſie athemlos vor Freude,„ich bringe Dir Troſt und Glück. Da lies!“
Sie reichte Julien das zuſammengefaltete Do⸗ cument hin.
Dieſe öffnete es langſam, und las es; Giſela ſah mit Befremden, daß Juliens Miene ſich nicht aufklärte, daß der finſtere Zug des Zorns nicht von ihrer Stirn verſchwand.
„Du freuſt Dich nicht, Julie,“ fragte ſie,„Du dankſt nicht Gott für dies unerwartete Glück?“
„Nein,“ ſagte dieſe mit harter, rauher Stimme, „denn ich bin nicht geſonnen, es aus ſolchen Hän⸗ den anzunehmen. Hat mein Gatte Strafe ver⸗ dient, ſo mag er ſie ertragen. Gerechte Strafe iſt leichter zu erdulden, als von der Schande Wohl⸗ thaten zu empfangen!“
„Julie!“ rief Giſela, entſetzt zurück weichend.
„Ich verbitte mir dieſe Benennung, Madame,“ fuhr dieſe fort,„zwiſchen einer Buhlerin und einem ehrbaren Weibe können ſolche Vertraulichkeiten nicht ſtattfinden, und ich bitte Sie, dies Zimmer nicht mehr mit Ihrer Gegenwart zu verunehren!“
Giſela ſtand erſtarrt, vernichtet.„Mein Gott,
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