Teil eines Werkes 
3. Theil, Zwei Lebenswege : 3. Band (1860)
Entstehung
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Vergebens warf die ſtolze Julie ſich mit gerun genen Händen zu ſeinen Füßen nieder, um Er⸗ barmen, um Milderung des harten Urtheils fle⸗ hend; Fürſt Lothar hielt dieſe Strenge für noth⸗ wendig, und der armen Julie Flehen erweichte ihn nicht. Sie ſtand auf von ihren Knieen, die ſie zum erſten Male vor einem Sterblichen gebeugt, und Zorn und Schmerz im Herzen, verließ ſie das Schloß.

Nun folgten Monate der Noth, des Ent⸗ behrens, die ſie mit ſtolzem Stoicismus ertrug. Niemand kannte ſie hier, Niemand konnte ſich ihrer erbarmen, auch hätte ſie Niemand ihr Elend und ihre Noth verrathen.

In einer Art Rachegefühl gegen den Fürſten wollte ſie ſterben und verhungern, und das Letzte, was ihre verſchmachtende Lippe geſtammelt, war eine Verwünſchung des grauſamen, erbarmungs⸗ loſen Fürſten.

Stockend, zögernd, oft unterbrochen von Seuß⸗ zern, hatte Julie der theilnehmenden Giſela dieſe traurige Geſchichte erzählt, und Giſela wagte es nicht, den Fürſten zu vertheidigen, oder Juliens bittern Groll gegen ihn zu verſöhnen. Aber ſie eilte zu Lothar, ihn anflehend um Gnade und Erbarmen, und ihrer holden Bitte blieb ſein Herz nicht unerweicht.

Er verſprach eine Milderung des Urtheils,

und frendeglühend eilte Giſela am nächſten Abend