Teil eines Werkes 
3. Theil, Zwei Lebenswege : 3. Band (1860)
Entstehung
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erblühenden Kindern, ihr Hülfe und Beiſtand zu bringen, ihre Wünſche zu errathen, und ihre ſtumme Verzweiflung zu tröſten. Denn die arme Julie gehörte zu jenen ſtolzen, verſchloſſenen Armen, die lieber geduldig und lautlos Hungers ſterben, als hülfeflehend ihr Elend zu geſtehen und ihren Jam⸗ mer zu klagen! Sie war ſichtlich an ein beſſeres Leben gewöhnt, ihre Ausdrucksweiſe verrieth die Bildung höherer Stände. Oh, mit welcher Scho⸗ nung wußte Giſela vieſer ſtolzen Armuth ſich zu erbarmen, wie viele Liſt und unſchuldige Lüge mußte angewandt werden, der armen Julie die ſchwere Laſt empfangener Wohlthaten zu erleichtern, und wie vieler Hingebung und zarter Freundlichkeit bedurfte es, um ihre Seele endlich dem Vertrauen, der Mittheilung zu öffnen! Und als ſie endlich ihr Unglück klagte, da bebten ihre Lippen, und das Roth des gedemüthigten Stolzes bedeckte ihre Wangen.

Sie war das junge Weib eines Beamten Lothar's. Aus weiter Ferne war ſie dem geliebten Gatten gefolgt, nicht ahnend, wie bald ihr Glück getrübt, ihr Friede geſtört werden ſollte. Der letzte Sproſſe eines alten vornehmen adeligen Hauſes, hatte ſie ihrem Gatten nichts gebracht, als ihre Liebe und ihre Ahnen. Vielleicht war dieſer eben ſo ſtolz auf die letzteren, als auf die erſtere, es genügte ihm mindeſtens nicht, in ſtiller Zurück⸗ gezogenheit dieſer Liebe ſich zu frenen, er wollte