Teil eines Werkes 
3. Theil, Zwei Lebenswege : 3. Band (1860)
Entstehung
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Oh, wie oft, in der Ueberfülle der Pein, ſehnte ihr armes, zertretenes Herz ſich nach dem wehmuthsvollen Troſte, einer befreundeten Seele ihre Pein zu klagen, ſie Theil haben zu laſſen an ihren Bekümmerniſſen; wie oft trat die ver⸗ borgene Klage auf ihre Lippen, wenn Lothar in traulichem, herzlichem Zuſammenſein bei ihr war!

Aber Giſela drängte dieſe Klage immer wieder in die Tiefe ihrer Bruſt zurück. Sie kannte ihren ſtolzen Freund zu gut, um nicht zu wiſſen, daß er eine ſolche Beleidigung Giſela's auf das empfind⸗ lichſte rächen und ſtrafen würde, und deshalb ſchwieg ſie, und rettete mit ihrer verwundeten Seele ſich zu den Armen und Leidenden, dieſen mit Engelsmilde Troſt und Hülfe bringend.

Oft ging ſie Abends, verkleidet, in der ein⸗ fachen Landestracht, in die Hütten der Armuth, und Niemand ahnte, daß das einfache, freundliche Weib, das dort neben der Wiege des ſchlummernden Kindes ſaß, und den harmloſen Erzählungen einer armen Mutter lauſchte, oder den traurigen Klagen einer armen Kranken die Thräne des Mitleids weinte, Niemand ahnte, daß dies die ſchöne und mächtige Freundin des Fürſten ſei.

Giſela hatte bei ſolcher Verkleidung einen dop⸗ pelten Zweck. Sie wußte, daß der Arme ſich von der Gegenwart des Höheren und Reichen nur bedrückt und angefröſtelt fühlt, daß ſeine Seele ſich dem Gleichgeſtellten leichter und freier erſchließt,

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