Teil eines Werkes 
3. Theil, Zwei Lebenswege : 3. Band (1860)
Entstehung
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beiden Seelen von den Schmerzen vergangener Liebe heilen zu wollen.

Offen und rückhaltlos lag Giſela's Seele vor den Blicken des Freundes da, und dieſer ließ ſie Theil haben an allen ſeinen Sorgen, ſeinen Be⸗ kümmerniſſen, hörte mit aufmerkender Achtung auf ihr ernſtes, kluges Urtheil, wenn er ſelbſt in den ernſten Geſchäften der Regierung ihren Rath erbat.

Wie ein guter Engel ſchwebte ihr klarer, ſchö⸗ ner Blick über den Unterthanen ihres Freundes. Oh, wie oft wußte ſie Lothar's Strenge zu ſäuf⸗ tigen, ſeine ſtrenge, grauſame Gerechtigkeit zu er⸗ weichen zu verzeihender Milde, wie viel Unglück wußte ſie durch ihr Flehen zu verhindern, wie oft die harte Strafe in eine milde zu verwandeln, und dem Lohn und der Anerkennung erſt den wahren Werth zu verleihen durch die Anmuth und Grazie ihres Lächelns! Aber ach, alle dieſe Tugenden und Verdienſte waren dennoch nicht im Stande, ihr die öffentliche Meinung zu verſöhnen, den Bannfluch zu vernichten, welchen das Vor⸗ urtheil der Welt über ſie ausgeſprochen!

Sie ſah wohl die ſpöttiſchen und verächtlichen Blicke, mit denen die Damen ſich von ihr wandten, wenn ſie ihr auf der Straße begegneten; ſie hörte wohl die höhniſchen Bemerkungen, die das Volk hinter ihr her flüſterte, und ihre edle, ſtolze Seele litt unter dieſen Beleidigungen und Kränkungen an ſtill verſchwiegenem Weh. 3

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